Monatsgeschichte für den Monat Juni 2018

Auch so ein Stalking

Sie lief ihm nach. Das war nicht zu übersehen. Ich beobachtete beide, wie sie auf dem Bürgersteig – eine junge, etwa zwanzigjährige Frau hinter einem eher Fünfzigjährigen – unterwegs waren. Die im Ort als „Büchertante“ verschriene Frau, die sich vorgenommen hatte, diesen Menschen für sich selbst zu vereinnahmen, ließ seit Tagen nicht locker. Sie hatte es ja überall verkündet. Und er konnte das, was sie tat, so nahm ich in diesen Augenblicken als Beobachter an, nur als Stalking wahrnehmen. Ich beobachtete ganz genau: Sie war jetzt nur ein paar Meter hinter ihm. Ihr gelber Jeansrucksack, in dem sie irgendetwas Schweres transportierte, war an der Seite schon leicht eingerissen. Schaute ein Buch heraus? In ihrem verzerrten Gesicht las ich die blanke Wut. Ich dachte aber nicht, dass sie Böses beabsichtigte, denn sonst hätte ich eingreifen müssen.

Der verfolgte Hans blickte sich nervös um, wenn nicht sogar etwas ängstlich. Was er wohl dachte? Sie stieß dann einen Fluch aus, woraufhin er weiterstrebte. Offensichtlich stark verunsichert. Dann geschah es: Sie nahm den Rucksack herunter, um ihn dem Mann in den Rücken zu werfen, so dass er vornüber auf den Bürgersteig stürzte. Ein lauter Aufschrei! Alsdann fiel sie über ihn her. Die sportliche junge Frau setzte ihm ordentlich zu. Er wehrte sich kaum dagegen.

Die Hilfeschreie hörte keiner, nicht einmal ich. Jedenfalls wollte ich ihm nicht helfen. Und so machte sich bei mir das schlechte Gewissen bemerkbar. Ich lief zu beiden hin, und dann riss ich den gelben Rucksack von beiden weg. Ich öffnete ihn in einem nahen Hauseingang. Was ich an Sachen erblickte, erstaunte mich durchaus: Einige Bücher. Durfte mich das denn erstaunen – ? Sie war doch die „Büchertante“. Der Kampf der beiden ging ohne mein Eingreifen weiter, noch lauter gar.

Und ich setzte mich mit einem der Bücher in Händen auf die Treppe des Hauseingangs, wo ich mich in die schön gedrechselten Sätze dieses Goethe vertiefen konnte …

© Kay Ganahl, 2016.

Monatsgeschichte für den Monat Mai 2018

Die Sprache der Steine

Jenseits der Worte sprechen die Steine.

Und haben die Worte, Worte um Worte,
dich an den Rand deiner Sprache getrieben,
stehe nicht stumm am Ende der Welt,
stehe nicht – gehe! Geh zu den Steinen,
besprich dich mit ihnen.

Und sprechen die Steine
und worten sich dir, worten sich
und ihre sagenhafte Geschichte,
werden sie aus dem Gewand ihres Namens schlüpfen
wie schillernde Falter aus dem Kokon.
Auch dein Name wird fallen, – er fällt,
fällt von dir ab wie ein lumpiger Fetzen.
Dann bist du licht, bist gelichtet,
und dein Aug ist nicht länger verschleiert.
Denn die Sprache der Steine enthüllt.

Und wenn auf Erden die Steine regieren,
währt ihre Sprache für ewig.
Dann weht das Wort, das furchtbare Wort,
nicht mehr als Trauerflor über dem Land –
und weht kein Schleier mehr über der Wüste –
und ist der Himmel über den Gräbern
nicht mehr verschlossen
sondern steht offen, weit offen
für alle.

© Andreas Erdmann

Monatsgeschichte für den Monat April 2018

Berge haben Charakter

Seit Anbeginn aller Zeit gibt es Berge, steinerne Zeugen von Vergangenheit und Gegenwart. Unbeirrt stehen sie da, reglos und schweigsam. Doch sind sie nicht tot, wie man meinen möchte. Oft machen sie durch spektakuläre Aktionen von sich reden, manche mehr, andere weniger.

Hier zeigt sich die Unterschiedlichkeit der Charaktere. Allen voran das Matterhorn. Eigensinnig und dickköpfig will es verhindern, dass Menschen auf ihm herumklettern. Nicht umsonst trägt es den Beinamen „König und Killer der Alpen“. Kein anderer Berg hat bislang so viele Opfer gefordert.

Die Annapurna steht ihm in nichts nach. Der weibliche Todesberg aus dem Himalaya hat einen extrem lawinenreichen Lebenslauf. Das „Dach der Welt“, der Mount Everest, will partout vermeiden, dass ihm die Menschen aufs Dach steigen. Er ist ein außerordentlich intoleranter Achttausender. Trotzdem hat er sich gegen viele Menschen nicht durchsetzen können. Schließlich muss auch die Eiger „Mordwand“ mit ihren Launen Beachtung finden.

Doch sollte man nicht davon ausgehen, dass alle Berge bösartig sind und den Menschen schaden möchten. Manchmal wehren sie sich nur mit den ihnen gegebenen Möglichkeiten. So auch der Mount McKinley in Alaska. Er lässt die Bergsteiger nicht abstürzen und setzt keine Lawinen ein. Er nutzt seine klimatischen Möglichkeiten, wie Kälte und orkanartige Stürme. Passiver Widerstand führt auch zum Ziel.

Andere Berge dagegen heißen Menschen willkommen. Die Lachenspitze ist ein wahrer Bilderbuchberg, der dem Bergsteiger keine Probleme macht und ihn auch noch mit einer traumhaften Aussicht belohnt. Ebenso gastfreundlich ist der Kärntener Dobratsch, der den Bewohnern der Gegend als Hausberg sehr ans Herz gewachsen ist. Er macht es den Wanderern leicht, seinen Gipfel zu erreichen. Und dann schenkt er ihnen einen Blick, der jede Anstrengung wert ist.

Wieder andere wollen den Menschen helfen, soweit es ihnen möglich ist. Seit hunderten von Jahren geben sie her, was in ihnen steckt, und legen ihre Zugänge zu Schätzen wie Silber oder Kupfer offen. Diese Geschenke sind von großer Bedeutung für die Menschen. Tatsächlich konnte durch Zinn, Blei und Antimon eine ölhaltige Tinte hergestellt werden, die dann von einem Gutenberg genutzt werden konnte.

(© Martina Hörle: Aus der Anthologie „Der Berg bewegt sich“.)

Monatsgeschichte für den Monat März 2018

Im Exil

Eine Kurzgeschichte von Andreas Erdmann.

Berlin im kalten Dezember 1976. Frühmorgens, um Viertel vor Fünf, verlassen drei Menschen im Ostteil der Stadt ihre Wohnung: Der Lyriker Thomas Brasch, seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Katharina Thalbach und die kleine Anna hasten im langen Schatten der Mauer zum Bahnhof Friedrichstraße: „Ist es wahr?“, will der Grenzbeamte der DDR von Thomas wissen, „Genosse Honecker hat Sie persönlich verabschiedet?“  – „Ja, und zwar mit Respekt und mit Handschlag.“ – „D… Dann, auf Wiedersehen!“, stammelt der Volkspolizist und lässt sie passieren. Sie kommen zum Bahnsteig. Sie steigen ein in die erste S- Bahn des Tages, sitzen und warten. Da! der Wagen ruckt an, und sie fahren über die Mauer hinweg von Deutschland nach Deutschland.

Gegen halb Sechs trafen die Drei, mit ihren wenigen Habseligkeiten, am Bahnhof Zoo in Westberlin ein. Ein Reporter trat auf sie zu: „Also wurden, nach Biermann, auch Sie ausgebürgert?“ Nein, gab Thomas, im Laufschritt, zur Antwort, die Behörden hätten ihnen endlich den Ausreiseantrag bewilligt. „So sind Sie freiwillig hier im Exil?“
Thomas blieb stehen und sah den Mann an: „Jeder Mensch lebt im Exil“, sprach er, mit zitternder Stimme. „Ein jeder von uns, hier wie jenseits der Grenze, ist heimatvertrieben, verjagt aus dem Land seines Herzens.“
„Hallo, ihr Lieben!“, vernahmen sie mit einem Mal einen Ruf aus dem Halbdunkel: „Willkommen im Westen!“ Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius kam ihnen auf der Treppe entgegen. Befreites Lachen. Umarmungen. Küsse. Delius trug den Koffer zum Auto. Dann fuhr er Kathi und Anna zu ihren Verwandten nach Tegel. Thomas nahm er in seine Wohnung mit.
Nach dem ersten Schluck Kaffee sprang Thomas auf, wollte telefonieren. „Wen willst’ n anrufen?“ – „Den Jörg Mettke vom ‚Spiegel’, Herrn Schneider und… all meine Freunde im Westen.“  – „Aber Thomas! Die schlafen noch um diese Zeit.“ – „Ja, und?“, lachte er und griff schon zum Hörer, „dann werd ich sie wecken!

Ein paar Wochen später lebte Thomas mit Kathi und Anna in einer eigenen Wohnung. Dort empfing er den westdeutschen Autor Georg Stefan Troller, begleitet von einem Kameramann, Carl Friedrich Hutterer. Sie planten einen Fernsehbericht über den Ex- DDR- Dichter.
„Sehn Sie sich um! Ich brauche nicht viel, weder Schränke noch Heimat“, grinste der Literat. Er führte sie durch die halbleeren, mit spärlichen Möbeln und Kisten eingerichteten Zimmer. „Ich wohne ja in den Räumen der Sprache.“

Troller und Hutterer saßen wartend auf wackligen Stühlen. Thomas ging auf dem Flur auf und ab. Telefonierte mit Theaterregisseur Bondy. Führte dann ein Gespräch mit Katharina, flüsternd im Nebenraum. Endlich kam er zu ihnen, reichte Kaffee, ließ sich bei ihnen nieder.
Viel besser als in der DDR, erklärte er, fühle er sich in der BRD nicht. „Da komme ich aus einem Land, das seine Schmerzen durch Ideologie nicht zu lösen versteht, und lande in einem anderen, das sie durch Geld auch nicht löst.“
Troller verwies auf die Unterschiede.
„Allerdings, die sind krass! Andererseits… Ob ich durch West- oder Ostberlin gehe, erlebe ich hier wie dort Menschen an Orten, die, wie schon Brecht sagte, eigentlich nicht bewohnbar sind“, sagte Thomas und senkte den Blick. „Wohnsilos, Kaufhäuser, Fluchten von Straßen… Stätten, an denen der Mensch sich verliert und sich letztlich nur noch an seiner Arbeit festklammert. Und in diesem Punkt“, er blickte auf, „bin auch ich angeschlagen.“
„Sie arbeiten wieder?“ fragte ihn Troller. -„Ja, ich hab mit der Arbeit an meinem ersten westdeutschen Gedichtband begonnen.“  Wie viele Gedichte er denn schon hier geschrieben habe? „Im Westen?“, meinte er, etwas verlegen, „ehrlich gesagt, noch kein einziges. Es ist seltsam, ich konnte bislang hier nicht schreiben.“ Wie gehe das zu, ein Gedichtband ohne Gedichte? „Nun, es wird es eine Sammlung mit früheren Texten, die ich überarbeite…“ Thomas erhob sich und trat an die Fensterbank, nahm seinen Fotoapparat in die Hand und erklärte: „Sehen Sie, dazu schieße ich Fotos. So mache ich erst mal Bilder statt Worte. In Worte kann ich das, was ich im Westen erfahre, bislang nicht fassen. Es ist unbeschreiblich.“

Klack! Klack! Klack! – Thomas stand auf dem Kurfürstendamm und fotografierte Fassaden von Kaufhäusern, Schaufenster, Türen.
„Tja, so schaut’s aus in diesem großen Kaufhaus des Westens“, sprach er zu Troller und Hutterer, kehrte sich um und lichtete – Klack! die automatische Schiebetür zu einem Autohaus ab. „All diese Türen im Herzen der Stadt“, erläuterte er, „dienen nicht mehr der Begegnung von Menschen sondern einzig dem Kundenfang. Und alle Menschen hier leben offensichtlich nur noch davon, zu kaufen und zu verkaufen.“ Sprach’ s und grinste in Hutterers laufende Kamera: „Genauso wie wir. Wir verkaufen ja Brasch!“
Solch einen Eindruck, so Troller, bekäme man wohl, wenn man sich nach den Jahren des Mangels im Osten plötzlich im Überfluss wiederfände?
„Aber in Westen herrscht doch derselbe Mangel!“, gab Thomas zurück, „er wird nur vom Warenstrom überdeckt. Jenseits der Mauer ist sichtbarer, dass etwas fehlt, und darum erscheint ein Land wie die DDR in Westeuropa so unpopulär.“
„Sie sprechen vom Mangel am Wesentlichen…?“ – „O ja, natürlich!“ – „Sie meinen, man kauft all diese Dinge weil man eines – Liebe nicht kaufen kann?“
„Liebe, auch Freundlichkeit und Vertrauen, Achtung und Lebensmut… all dies, woran es den Menschen heut fehlt, ist nicht käuflich“, sagte er, schaute sich um in der Einkaufstrasse, „aber die bessere Stereoanlage!“, fügte er an und fotografierte – Klack! Klack! – ins Schaufenster eines Rundfunkgeschäfts.

Die Männer gelangten zum Breitscheidplatz. Da hob Thomas den Blick, schaute auf zum zerbombten Turm der Gedächtniskirche und sagte, im bitteren Ton: „Germania ist von den Narben der deutschen Geschichte gezeichnet. Die alte Dame leidet so schwer an den tiefen, klaffenden Wunden des über Jahrhunderte dauernden Krieges. Dazu das Blut nach jenem ungeheueren Blutbad des Naziregimes… Bis auf den heutigen Tag ungestillt…“ Troller schwieg, starrte auf die Ruine.
„Man müsste die kranke Dame behandeln“, sprach Thomas. „Aber Germania leugnet den Schmerz. Sie benimmt sich wie eine seltsame, alternde Schauspielerin, geht in die Maske und lässt sich im Osten Schicht um Schicht Schminke auftragen. Dazu den Duft verstorbener Geister…“ – „Und bei uns im Westen?“, fragte Hutterer.
„Ach!“ Thomas blickte sich um, „da schüttet man massenhaft Geld in Germanias Wunden, worunter sich alles nur noch mehr entzündet.“
„Mal zu uns beiden“, sprach Troller zum Ende der Dreharbeiten, „ich habe den Eindruck, Sie fühlen sich vom Fernsehen ausgebeutet?“
„Nein. Allerdings geht es bei Ihnen zu wie im Restaurant: Sie sind der Kellner, die Fernsehzuschauer sind ihre Gäste, und ich bin das Schnitzel.“
Troller grinste bei dem Vergleich, und Thomas fuhr fort: „Die Frage ist, ob Sie das Schnitzel so zubereiten, dass es den Gästen auch schmeckt.“
„Sie meinen, ob es nach Schnitzel schmeckt? und Sie authentisch sind?“
„Nein, dass Geschmack dran kommt, wenn auch nur Würze.“
Ihm gehe es aber um Authentizität, verwehrte sich Troller: „Ich möchte, dass es nach Ihnen schmeckt…“
Thomas erbleichte, senkte den Blick: „So spricht der Menschenfresser!“

„Und?“ fragte ihn Katharina am Abend, „wie ist die Sache mit Troller gelaufen?“
„Weiß nicht“, Thomas zuckte die Schultern. „Ich war etwas frech zu  ihm.“
„Kommst du denn mit deiner Arbeit voran?“
„Die Fotos gehen mir gut von der Hand. Doch mit dem Dichten ist’s furchtbar. Mir scheint, ich kann nicht mehr schreiben.“
„Vielleicht ist die Sprachlosigkeit nur bezeichnend für diesen Ort, diese Zeit.“
„Tja, man sucht noch zu schreiben, zu sprechen, zu denken, wie es der Mensch seit hunderttausend Jahren gelernt hat. Und nun sieht man mit an, wie die Sprache zerfällt. Sie geht immer mehr in den Bildern der Werbe- und Fernsehwelt unter; für immer weniger Dinge gibt es noch Wörter, und alles verschwimmt, verschwindet in einer gewaltigen Bilderflut.“
Die Frau nickte, ergriff seine Hand: „Ach, Kathi!“ seufzte er da, und ein feuchter Glanz legte sich ihm auf die Augen, als er sie unverwandt ansah: „Es sind ja Dinge, die kann man nicht… kann man nicht aussprechen. Die kann man einfach… die… Dafür gibt’s keine Worte.“

Monatsgeschichte für den Monat Februar 2018

Die Zeitfrage

In meinem Traum traf ich die Zeit
wir unterhielten uns recht lang
Ich kam bald in Verlegenheit
wie lieblich ihre Stimme klang

„Komm, zeig dich mal!“, rief ich dann schrill
und schaute ganz erwartungsvoll
„Ich ungesehen bleiben will.
Sei bitte nicht so anspruchsvoll!“

„Nun gut, auch wenn ich dich nicht seh
Was ich schon immer wissen wollt
Die Antwort ich von dir erfleh
Sie ist mehr wert als Geld und Gold

Als Kind nahm ich dich anders wahr
du warst stets so gemächlich
Dann stelltest du dich anders dar
du warst flugs ganz erträglich

Doch heute eilst du immer schneller
die Umkehr der Verzögerung
Du als des Lebens Hauptdarsteller:
Was ist der Grund der Änderung?“

Die Zeit nach einer Weile lachte
und mir dann zu verstehen gab:
„Ich mir dabei schon etwas dachte
Das geht so weiter bis ins Grab

Ich nicht werde immer schneller
nur höchstens individueller
Du wirst von mir stets gleich behandelt
DU bist das, was sich verwandelt.“

(© Beate Kunisch)

Monatsgeschichte für den Monat Januar 2018

Die erste Monatsgeschichte des neuen Jahres liefert Kay Ganahl.

Heiliger Abend: Demo in Solingen

Satire von Kay Ganahl

Der Winter hat ja, was das Wetter anbetrifft, noch nicht richtig angefangen … am Heiligen Abend hätte man sich schon ordentlich Schnee auf Straßen und Plätzen unserer Stadt gewünscht. Ich schlenderte an diesem „Abend der Abende“ die Hauptstraße hoch, hatte gerade meine Mütze über die Ohren gezogen, als ein bebrillter Zeitgenosse, in Schaftstiefeln, auf mich zustürzte. Vor Schreck starrte ich ihn erst nur an. Er war blass im Gesicht, fragte mich ziemlich wirres Zeug, unter anderem aber auch nach dem Rathausplatz, wo angeblich eine „Demo für die Reform des Weihnachtsfestes“ stattfinden sollte.

Darüber staunte ich sehr, konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, dass am Heiligen Abend irgendjemand an so einer Demonstration teilnehmen würde. „Absurd!“ gab ich von mir. Dann erklärte ich allerdings dem jungen Mann, der so um die 20 Jahre alt und ganz blond war, den Weg. Sofort strebte er in Richtung des Rathausplatzes. Ich war neugierig geworden, weshalb ich ihm unauffällig folgte. In der City war alles still – 18, 19, 20 Uhr war die Zeit des traditionellen Schenkens und Beschenktwerdens in den Familien. Dann beobachtete ich, dass der junge Mann, am großen Briefkasten auf dem Platz angekommen, aus seinem wetterfesten Rucksack ein Transparent herausholte, auf dem „Für die Verteilung von Kunstschnee am Heiligen Abend in Solingen!“ stand. Nach kurzer Zeit gesellte sich eine Gruppe von Gleichgesinnten zu ihm. Sie skandierten schließlich „Wir fordern, dass die Stadt Solingen in Solingen gratis Kunstschnee verteilt!!!“ Ich staunte nun noch viel mehr.

(© Kay Ganahl, 2017)

 

Monatsgeschichte für den Monat Dezember

Trauriger Schnee

Da lag er nun. Ganz plötzlich über Nacht war er vom Himmel gefallen und hatte sich wie eine dicke weiche Decke ausgebreitet. Ganz still war er und schaute sich nur staunend um.

Bisher war er noch nie auf der Erde gewesen, und jetzt wusste er noch nicht so richtig, was er hier sollte.

„Ich muss zugeben, dass es mir hier gefällt“, dachte er, „auch diese weiße Farbe, die ich trage, finde ich wirklich elegant. Aber … was mache ich eigentlich hier? Aus welchem Grund bin ich vom Himmel gefallen?“

Er grübelte lange, aber ihm fiel nichts ein. Ein Häschen hoppelte heran. Schnell, bevor es vorbeilaufen konnte, fragte der Schnee: „Weißt Du vielleicht, warum ich hier bin?“ Missmutig erwiderte das Häschen: „Du deckst mein Futter zu, so dass ich ständig Hunger habe. Jetzt lass mich weitersuchen, damit ich wenigstens ein bisschen zu fressen finde.“

Der Schnee war ratlos: „Warum tue ich das? Wenn ich das Futter zudecke, hat das Häschen Hunger.“

Da kamen zwei Vögel angeflogen. „Hallo Ihr beiden, könnt Ihr mir eine Frage beantworten? Ich denke darüber nach, was ich eigentlich auf der Erde machen soll.“ Die beiden krächzten missgelaunt: „Was Du hier machen sollst, wissen wir auch nicht. Wenn Du hier bist, müssen wir frieren. Das können wir gar nicht leiden.“ Und schimpfend flogen sie davon.

„Kann ich denn nichts tun, was anderen hilft?“, fragte sich der Schnee betrübt. „Der eine hat Hunger, die anderen frieren – und das nur, weil ich da bin.“

Da kam die Sonne am Himmel hervor und sah die Trauer des Schnees. „Was hast Du? Was bedrückt Dich so?“ Und der Schnee erzählte der Sonne, was er erlebt hatte. „Ich suche nach dem Grund, weshalb ich auf der Erde bin. Aber alles, was ich erfahren habe, ist nicht gut.“

Die Sonne lachte: „Sei nicht traurig. Sieh Dir mal den Himmel an. Jetzt bin ich hier und er ist leuchtend blau. Und Du mit Deiner strahlenden weißen Farbe holst die Menschen aus den Häusern. Sie haben Schlitten. Damit fahren sie auf Deiner weißen Decke umher. Und sie formen große Kugeln aus Dir. Die stellen sie aufeinander und nennen sie Schneemann. Dabei sind sie immer sehr lustig.“

Das freute den Schnee. Doch irgendwann ging die Sonne unter und es kam der Mond. Jetzt waren die Menschen wieder fort.

Auch der Mond merkte, dass der Schnee bekümmert war und sprach zu ihm: „In der Nacht ist es oft so dunkel, dass man kaum etwas erkennen kann. Aber wenn ich am Himmel stehe und mein Licht aussende, schickst Du es mit Deiner weißen Decke zurück. Dadurch finden sich alle, die im Freien sind, besser zurecht. Und die Natur deckst Du zu, so dass sie Ruhe finden und sich erholen kann. Sonst wäre sie im kommenden Jahr gar nicht lebensfähig.“

Da spürte der Schnee, wie wichtig er für vieles war. Während er noch darüber nachdachte, kamen die Sterne zum Vorschein und schienen zusammen mit dem Mond. Ihre Strahlen fielen herunter bis auf den Schnee. Tausende kleiner Punkte glitzerten auf dem Weiß. „Was macht Ihr da?“, staunte der Schnee, „das ist ja zauberhaft.“

„Das bist Du, lieber Schnee“, lachten die Sterne, „diese kleinen Punkte heißen Eiskristalle. Sie funkeln wie Diamanten. Und so etwas hat nur der Schnee.“

© Martina Hörle

Diese Geschichte ist in der gerade erschienenen Anthologie „Dramatische Weihnachten“ enthalten.

Eine Anthologie mit Gedichten und Geschichten
Kay Ganahl (Hrsg.), Halina M. Sega (Hrsg.)
Paperback, 268 Seiten, ISBN-13: 978-3744886291

Monatsgeschichte für den Monat November 2017

Für unsere neue Monatsgeschichte liefert Kay Ganahl diesen satirischen Beitrag.

Eine Geschichte der Hörigkeit
Kurzprosa in satirischer Absicht
(unveröffentlicht)

Das ist ja eben diese Liebe zu Jo, diesem Monster von Mann, dem ich zur Verfügung stehe. Durch ihn erfahre ich ständig eine Entwicklung meiner Persönlichkeit, die darin besteht, dass er mich ruft und ich komme. Er lässt mich manchmal durch seinen Butler Harry, der im Maserati anfährt, später am Abend abholen, was mir so gar nicht gefällt. Unauffällig soll alles sein, unauffällig!

Heute! Ich habe mich in Schale geworfen. Wir fahren zu Jo. Dieser empfängt mich im Halbdunkel am Rande des schmutzigen Tümpels, – im Hintergrund die hohen Wipfel von Bäumen, die für die Abholzung vorgesehen sind. Blinkende Schornsteine der Großstadt und leuchtende Hochhausspitzen sind für mich weitere flüchtige Ablenkungen.

Mein Jo lässt mich sofort himmelhochjauchzen – das Alte ist fort, das Neue blickt mich in seiner umwerfenden Gestalt an!

Es steht mir ein Mann gegenüber, ein mir klar überlegenes Geschöpf, welches seine Arroganz nicht verschleiert oder versteckt, sondern ganz unmittelbar zeigt. Jos Männlichkeit bannt mich, ich gehöre …. ich gehöre ihm.

Die Primitivität seiner Lebensäußerungen kann mich immer und immer wieder davon überzeugen, dass er der Richtige ist. Keine Fragen mehr. Keine hintergründigen Reflexionen über irgendetwas, was zu klären wäre!

Oh, schön! Oh, schlecht!

 Sogar schon in meinem Alter, denke ich nun, habe ich eine wahre Beziehung zu einem Mann! Sie ist ursprünglich und dermaßen schlecht, abgründig schlecht, dass ich die absolute Liebe empfinden kann. Ist das so!?

Am Tümpel ergeben wir uns dem Ursprünglichen – Gefühlsströme reißen mich mit. Sind sie echt!?

Jo weiß, dass er mich voll und ganz in sich aufnehmen kann. Er wird es wohl auch tun.

Ich will mich verlieren. Will ich das wirklich – !?

(© Kay Ganahl, 2017)

Monatsgeschichte für den Monat Oktober 2017

In diesem Monat gibt es eine längere, spannende Geschichte von Karla J. Butterfield.

Sommer mit Raja

„Geh nach draußen spielen, Liebes, Johann muss schlafen“, sagte meine Mutter und legte das Baby in den Kinderwagen. Das Baby war mein Bruder Johann, aber ich nannte ihn „Baby“, weil er nicht wie ein Junge aussah, sondern wie eine Semmel mit Schnuller. Semmel durfte ich nicht sagen, also – Baby.

Als er noch im Mamas Bauch versteckt war, hatte man mir versprochen, dass ich einen Bruder bekomme, mit dem ich spielen kann. Eine Lüge! Mit einer Semmel kann man nicht spielen! Zu alledem hatte meine Mutter keine Zeit mehr für mich, weil sie den ganzen Tag mit dem Baby versemmelte. Diese Ferien versprachen nichts Gutes –  höchstens Langeweile.

Wütend knallte ich die Verandatür zu, was das Baby sicher zum Schreien und Mama in Rage bringen würde und radelte den holprigen Weg zum Deich, in der Hoffnung, dort jemanden zu finden, der sich mindestens so langweilte wie ich. Aber ich fand Niemanden. Auf dem Sportplatz traf ich bloß auf blöde Jungs, die nichts anderes im Kopf hatten als Fußball spielen.

Ich beschloss zum Friedhof zu fahren. Dort konnte ich mich prima gruseln. Am Ende des Friedhofs stand eine Kapelle, in deren Hinterzimmer manchmal frische Leichen aufgebahrt wurden. Ich lehnte mein Fahrrad gegen die Mauer und kletterte vorsichtig auf den Sattel, um durch das verschmutzte Fenster in die Kammer spähen zu können. Heute war keine Leiche da, aber alleine die Vorstellung, dass eine spitznasige Oma im Leichenhemd in der kalten Kammer liegen könnte, in der es womöglich vor Ratten nur so wimmelt, verursachte mir ein grusiges Kribbeln, das bei meinen Waden anfing, über die Beine und den Rücken bis zum Kopf wanderte.

„Was tust du denn da?“, fragte eine Stimme hinter mir und ich erschrak dermaßen, dass ich samt Rad auf den Weg stürzte und mir gewaltig das Knie aufschlug. Ein Blutstropfen rollte mein Schienbein hinunter und verfing sich in meiner weißen Socke. Als ich aufblickte, sah ich ein Paar dreckige nackte Füße. Zu den Füßen gehörte ein Mädchen mit dem schwärzesten und dicksten Haar, das ich je gesehen hatte.

„Was tust du denn da?“, wiederholte sie die Frage.

Aber ich antwortete nicht. Ich starrte sie nur mit offenen Mund an. Nicht nur ihr Haar war schwarz, auch ihre Augen und die Haut glänzten kupfern. Sie steckte in einem viel zu großen schmuddeligen Sommerkleid, das in der Mitte mit einem glitzernden Tuch zusammengehalten wurde, dessen Saum zur Hälfte aufgetrennt war.

„Hier, iss, das ist gut gegen die Schmerzen.“, sagte sie im Befehlston und hielt mir eine Hand voll saftiger Kirschen entgegen. Ich aß ohne Widerspruch. Die Kirschen waren süß und tatsächlich, ich vergaß mein Knie.

Als ich den letzten Stein ausspuckte, fand ich meine Sprache wieder.

“Wie heißt du?“

„Raja. Und du?“

„Sonja.“

„Wie alt bist du?“

„Acht, und du?“

„Zehn. Hast du Lust, baden zu gehen?“

„Ich darf nicht alleine.“

“Wer sagt das?“

„Meine Mutter.“

„Na dann. Komm mit. Ich bade, und du schaust zu. Das ist doch erlaubt, oder?“

Sie schnappte sich mein Fahrrad und zeigte auf den Träger.

„Setz dich, ich fahre.“

Am Teich war keiner, nur ein Paar Enten und durstige Mücken. Raja ließ das Fahrrad fallen, löste die Schärpe und zog ihr Kleid über den Kopf aus. Ich traute meinen Augen nicht. Sie hatte unter dem Kleid nichts an. Nicht einmal eine Unterhose!

Aber das schien sie überhaupt nicht zu stören. Kreischend stürzte sie sich ins Wasser und paddelte herum wie ein junger Hund. „Super warm, komm Sonja, komm auch.“

Ich schüttelte den Kopf, saß bloß mit angezogenen Knien neben meinem Fahrrad und bekam den Mund nicht zu.

„Schau, ich kann Handstand!“

Rajas Kopf verschwand unter Wasser und zwei Beine zappelten in der Luft. Ich musste lachen.

„Komm Feigling. Es ist prima“, rief Raja erneut und spritzte mit Wasser herum.

Ich schaute mich um und sah niemanden. Mir war heiß, und Raja sah so erfrischt aus. Es gab wirklich keinen Grund, warum ich nicht auch ins Wasser sollte. Natürlich behielt ich meine Unterhose an. Das war schon eine Leistung, denn ohne einen Badeanzug wäre ich sonst nie ins Wasser gegangen.

Raja konnte zwar alle möglichen Kunststücke wie Handstand oder mit offenen Augen tauchen, aber sie konnte nicht schwimmen. Das konnte wiederum ich. So verbrachten wir den Nachmittag damit, uns gegenseitig alles beizubringen.

Als wir genug vom Baden hatten, spendierte mir Raja weitere Kirschen, die sie unterwegs aus einem Garten stibitzte. Ich weiß nicht warum, aber diese Kirschen schmeckten tausendmal besser als die, die wir zu Hause in der Schüssel hatten. Die Kirchuhr schlug sieben und ich erschrak.

„Es ist spät, ich muss nach Hause!“

„Ich komme mit“, bot sich Raja an, aber plötzlich hielt sie inne. „Deine Haare!“

„Was?“

„Deine Haare sind ganz nass! Willst du deiner Mutter erzählen, es hätte geregnet?“

Ich erschrak zum zweiten Mal. Was tun? „Die Strafe folgt auf dem Fuß“, sagte meine Oma immer. Sie hatte Recht. Aber Raja hatte eine Idee. Wir schlichen uns in den Hinterhof einer Pommes Bude, Raja machte die Räuberleiter, ich kletterte darauf und neigte meinen Kopf direkt an das Entlüftungsrohr, aus dem  warme Luft herausquoll. In kurzer Zeit war mein Haar trocken. Wenn auch meine Mutter am Abend die Nase rümpfte und sich wunderte, warum es bei uns nach Gebratenem roch, obwohl es zum Abendbrot bloß Milchreis gab.

Als ich später in meinem Bett lag, wusste ich, in diesem Sommer wird es jede Menge süße Kirschen geben.

In den folgenden Tagen gingen wir natürlich weiterhin verboten baden, und wenn es regnete, spielten wir Karten auf der Veranda. Meine Mutter beäugte Raja mit Misstrauen und versteckte ihre Geldbörse im Schlafzimmer, wenn sie bei uns war.

„Diese Leute klauen und haben Läuse. Nimm dich in Acht vor ihr.“ Aber sie ließ mich gewähren, denn sie konnte keine nörgelnde Göre um sich ertragen. Sie sah sehr müde aus.

Jeden Tag schleppte Raja alle möglichen Sachen an. Vogelbeeren, die wir im Schuppen trockneten, sie dann an Schnüren aufzogen und um den Hals trugen. Aus Zweigen und Moss bauten wir kleine Behausungen für Schnecken, fingen Mäuse mit Speck und bauten sogar eine Vogelscheuche, die wir dann dem Bauern schenkten und dafür jede einen Stück Apfelkuchen bekamen.

Im Wald sammelten wir Heidelbeeren und verkauften sie dann im Ort für zwei Kronen der Liter. Wir haben uns ausgemalt, was wir mit dem großen Geld tun würden. Aber wer schon mal Heidelbeeren gepflückt hatte, der weiß, wie lange es dauert, bis eine Kanne voll ist. Also ließen wir es sein.

Im Schilf des Teiches gab es unzählige Frösche, die wir in einem Eimer sammelten und wenn sich die Wasseroberfläche mit Laich füllte, ließen wir sie wieder laufen und warteten auf Nachwuchs.

Raja meinte, wenn sie groß sei, wird sie entweder Tänzerin im Zirkus werden oder Ärztin. Obwohl sie gleichzeitig schwor, dass sei noch nie in der Schule gewesen sei. Aber Wissen konnte man sich auch selber aneignen, versicherte sie mir. Um mir dies zu demonstrieren, entschied sie sich im Dienste der Wissenschaft, einen der Frösche, die im Eimer hockten, zu sezieren. Ein Onkel von Raja, der eine Zeitlang in Italien lebte, hatte ihr von dem Maler und Bildhauer Michelangelo erzählt, der im Mittelalter auch Leichen sezierte, um den Organismus besser kennen zu lernen. Dem eiferte Raja nach. Sie nagelte die Beine des armen Frosches an ein flaches Stück Holz und schnitt ihm mit dem Küchenmesser den Bauch auf. Das Innere des Bauches wurde sichtbar. Eine Landschaft aus Glibber, dünnen Schläuchen und pochendem Herzen eröffnete sich uns. Eigentlich hätte es mir schlecht werden sollen, aber ich starrte gebannt auf die blaugrauen Wunder der Natur. Im letzten Todeskampf zuckte der Frosch noch mit einem seiner Beinchen, das sich vom Nagel riss und wie ein Gummiband zurücksprang. Ich schrie und rannte davon. Als Rajas anatomischer Wissensdurst gestillt war, befreite sie den Frosch, und wir bereiteten ihm ein richtiges Begräbnis mit Grab, Blumen, Gesang und dem ganzen Pomp.

Raja war nie in der Schule, aber sie wusste Einiges: dass Kirschen Schmerzen lindern, dass am Nordpol die Polen wohnen und dass, wenn man sich die Erbsen unter das Hemd oder in die Socken stopft und es kitzelt, daraus Kichererbsen werden.

An einem Morgen hatte mich Raja mit einem Pferd abgeholt.

„Woher hast du das Pferd?“

„Von meinem Onkel. Heute ist mein Geburtstag, da darf ich es immer reiten.“

„Dein Geburtstag? Bist du jetzt elf geworden?“

„Nein 10, immer noch. Steig auf!“

Sie ließ mich vor ihr sitzen, behielt aber die Zügel in der Hand. Das Pferd hatte einen Rücken breit wie ein Esstisch und bewegte sich nur langsam. Aber so hoch zu sitzen, machte einen glücklich. Wir ritten durchs Dorf wie zwei Prinzessinnen.

Am Ortsrand kamen wir zu einer verlassenen Kaserne und einem Übungsplatz. Hier standen im Kreis mehrere alte Wohnwagen, die mit Wäscheleinen verbunden waren, an denen bunte Wäschestücke flatterten. Vor einem der Wagen saß auf einem Klappstuhl ein sehr dunkler Mann mit Pomade im Haar. Als er uns kommen sah, verzog sich sein Mund zu einem breiten Lächeln und entblößte drei prächtige Goldzähne.

„Ah, das deine Freundin!“, rief er und half mir vom Pferd herunter.

Er streckte mir die Hand entgegen: „Mirko, ich bin Papa.“

Ich machte einen Knicks wie vor einem Baron und schaute mich um. Außer ein paar streunenden Hunden war niemand zu sehen.

„Wo sind deine Geburtstagsgeschenke?“, fragte ich neugierig.

„Ah, hat sie heut wieder Geburtstag?“ Eine Frau mit schwarzem Kopftuch steckte den Kopf durch einen Perlenvorhang und schaute mürrisch zu mir hinüber.

„Von wegen Geburtstag, den hat die Göre mindestens zweimal pro Monat, nur damit sie den Gaul reiten kann!“

Verständnislos schaute ich zu Raja und dann wieder zu der Frau, der im Gegensatz zu Mirko drei Zähne fehlten.

„Hast du denn kein Geburtstag heute?“

Raja schwieg und betrachtete verbissen ihre Füße.

„Wir nicht wissen, wann Geburtstag. Irgendwann im Winter. Aber egal, heute Geburtstag, wird gefeiert!“ Mirko steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff so laut, dass das Pferd scheute.

Im Nu war der Platz voll mit Menschen, die farbige Kleider trugen. Die Männer hatten  Hüte auf dem Kopf, die Kinder waren alle barfuß und alle schauten mich neugierig an. Erst als Raja mich jedem Einzelnen vorgestellt hatte, die allesamt ihre Onkel und Tanten waren, schlug ihr Misstrauen wie ein Pendel zu einer Herzlichkeit um, die ich nicht kannte. Langsam verstand ich, dass Mirko Rajas Vater, Marina, die Frau mit dem schwarzen Kopftuch, ihre Stiefmutter war und Sira ihre Halbschwester. Sira war ungefähr sechzehn und die Schönste von allen. Sie war besonders hübsch angezogen. So wie die Frau Carmen, die ich mal in der Oper gesehen hatte.

Alle brachten ihre Stühle und Tische nach draußen. Auch Essen und Trinken und einen wackeligen Samtsessel für den Opa Omir, der bestimmt hundert Jahre alt war und an einer langen Pfeife lutschte. Es gab Musik, eine Geige, Mandoline und andere Instrumente, die ich nicht kannte. Die Männer tanzten, und die Frauen sangen in einer fremden Sprache. Es wurde auch viel getrunken. Ich dachte zuerst, es wäre Wasser, denn es wurde in hohen Gläsern serviert. Aber es roch nach Pflaumen, und als ich es probierte, brannte meine Zunge wie Feuer.

Raja bekam zwar keine Geburtstagsgeschenke und auch keinen Kuchen, aber sie wurde gefeiert wie eine Prinzessin. Die Mädchen schmückten ihre Haare mit Blumen, sie wurde herum getragen und die Männer prosteten ihr zu. Dann tanzten sie und Sira einen wilden Tanz ums Feuer herum, drehten Tücher in der Luft, deren kleine angenähte Münzen wie Glöckchen schellten.

„Du bist meine beste Freundin“, sagte ich zu Raja, als sie mich später nach Hause begleitet hatte. „Ich bin nicht deine Freundin…Ich bin deine Schwester“, sagte sie und umarmte mich ganz fest. Aber bevor wir unsere Blutsbrüderschaft besiegeln konnten, kam das Unglück mit dem Tag der Eröffnung des neuen Supermarktes im Dorf.

Seit dem frühen Morgen lungerten wir vor dem mit Glücksankündigungen beklebten Eingang herum. Überall hingen Luftballons, es gab eine Tombola und allerlei Leckerbissen zum Kosten. An einem Ständer baumelten im Wind Schwimmringe, aufblasbare Tiere und Luftmatratzen. „Schau, Raja, die Luftmatratzen! Mit denen könnten wir bis zur Insel paddeln und Robinson Crusoe spielen.“ Ich war stolz auf meine Idee. Sonst hatte Raja immer die besten auf Lager.

Diese Luftmatratzen waren leicht und durchsichtig. Bisher kannte ich nur die schweren aus gummiertem Stoff. In der Mitte des Kopfteils war ein Kreis, durch den man die Unterwasserwelt betrachten konnte.

Raja war auch sofort Feuer und Flamme: „Die sind superleicht, mit denen kommt man bestimmt schnell voran. Lass uns mal hineingehen und schauen, was die kosten.“

Im Laden wimmelte es von Menschen, als gäbe es etwas umsonst. Die Badeabteilung befand sich im Erdgeschoss.

„Wieviel hast du?“, fragte Raja.

„Drei Kronen und du?“

„Zwei fünfzig, das reicht nicht mal für den Stöpsel.“

„Oh, schau, wie klein sie verpackt sind. Die kann man gut am Fahrradträger befestigen!“, schwärmte ich.

„Nimmst du rot oder grün?“

„Rot, natürlich!“

„Mir gefällt die gestreifte am besten.“

Verträumt betrachteten wir die Objekte unserer Begierde.

Raja nahm ein Paket in die Hand, schaute sich um und ließ es blitzschnell unter ihrem Rock verschwinden.

„Mach schnell, keiner schaut zu.“

Ich verstand sofort und steckte das zweite Paket unter mein T-Shirt.

An der Kasse schnappten wir uns eine Packung Kaugummis, bezahlten eine Krone und rannten kichernd aus dem Laden heraus.

Wir hielten erst in einer Seitenstraße, setzten uns auf die Stufen eines Hauseingangs und schnappten nach Luft. Dann klatschten wie siegreich unsere Hände gegeneinander, holten unser Diebesgut heraus und wollten es gerade auspacken, als uns ein Schatten bedeckte. Mir fiel das Herz in die Unterhose und als ich aufschaute, sah ich einen Mann im dunklen Anzug breitbeinig vor uns stehen.

„So, Mädels, Ihr kommt jetzt erst mal mit!“

Raja versuchte zu flüchten, aber der Mann hielt sie fest. Mir schlotterten die Knie, ich hätte nicht weglaufen können.

Er nahm uns fest am Oberarm und zerrte uns zurück zum Laden ins Büro.

„Jetzt ruf ich die Polizei“, sagte er mit einem strengen Blick zu uns und nahm den Hörer in die Hand. Es war, als stünde die Polizei direkt hinter der Tür bereit. Ich konnte gerade Raja einen kurzen Blick zuwerfen, da kamen zwei Polizisten in Uniform, eine Frau und ein Mann, hineingestürzt. Das, was folgte, war das Schlimmste, was ich je erlebt hatte.

Wir wurden befragt, nach unseren Namen, Alter, Adresse, Schule, nach unseren Eltern sowie ihren Arbeitsstellen.

„Wo habt Ihr das restliche Diebesgut?“, fragte der Polizist.

Wir zuckten zusammen.

„Wir haben nichts mehr“, stotterte ich.

„Das sagen alle. Wo ist es?“

„In der Unterhose“, witzelte Raja. Ihre Augen funkelten wild.

„Lass die Frechheiten!“, blaffte der Polizist zurück und gab der Polizistin ein Zeichen. Danach verschwand er und wir wurden von der Frau gründlich durchsucht. Ich hatte das Gefühl, dass sie, nachdem sie nichts gefunden hatte, noch wütender war als zuvor. An ihre kalten Finger erinnere ich mich noch heute.

Vor den Augen des gesamten Dorfs wurden wir in ein Polizeiauto verfrachtet und nach Hause gefahren. Zuerst ich, Raja wartete im Auto, solange sie mit meiner Mutter sprachen. Ich verdrückte mich in mein Zimmer.

Eine Woche Hausarrest und strenge Blicke meiner Mutter. Das war meine Strafe.

Am dritten Tag hielt ich es nicht mehr aus, wartete, bis alle schliefen und schlich mich aus dem Haus. Raja fand ich hinter dem Wohnwagen am Boden sitzend.

„Raja“, flüsterte ich glücklich.

Sie antwortete nicht, dann hob sie langsam den Kopf, und ich sah ihr geschwollenes Gesicht. Das Auge blau, die Lippe  geplatzt, an den Wangen verkrustetes Blut.

„Verschwinde!“

„Aber Raja…“

„Verschwinde, er hat ein Messer! Geh weg! Sofort!“

Als ich mich nicht rührte, erhob sie sich und verschwand hinter der Ecke des Wohnwagens.

Am Ende meiner Strafwoche setzte sich abends meine Mutter zu mir ans Bett.

„Das war nicht schön, Sonja. Versprich mir, du wirst es nie wieder tun.“ Ich nickte und obwohl ich es mir verkneifen wollte, fing ich an zu weinen. Mama nahm mich in den Arm und küsste meine Haare.

„So etwas kann jedem passieren. Du musst wissen, ich liebe dich, egal, was du tust.“

Sie brachte mir noch Kakao ans Bett und las mir eine Geschichte vor.

Am nächsten Morgen hörte ich meine Eltern beim Frühstückstisch leise sprechen.

„Sie wurde zusammengeschlagen, und nun kam die Fürsorge und hat sie weggebracht.“

Ich wusste sofort über wen sie sprachen.

© Karla J. Butterfield

 

Monatsgeschichte für den Monat September 2017

In diesem Monat gibt es zwei kleine Gedichte von Beate Kunisch.

 

 

 

 

Hoffnung

Morgenröte Hoffnung schenkt
Dass sie das Schicksal zum Guten lenkt
Zufälle wie Zeichen scheinen
Man daher bald könnte meinen
Zu erkennen die richtige Wahl
Aus der Möglichkeitenqual
Hoffnung, Aufbruch, Wendepunkt
Angst vor Neuem, Stille
Achtsam sein, Empfindlichkeit
Sich auf den Sprung konzentrieren
Was gestern war, wirkt heute weiter
Trotzdem bin ich morgen heiter
Alles, was ich hab gesehen
Kann nicht mehr werden ungeschehen
Gelitten, geschunden, verletzt
Hüpfe ich lachend davon

© Beate Kunisch

Das Leben

Schön und hässlich
Schnell und langsam
Farblos und bunt
Gestern schien es anders
Als heute
Ich möchte es zähmen
Es läuft mir davon
Lässt sich nicht aufhalten
Geht seinen Weg
Unerbittlich, unermüdlich
Bis zum Ende
Bis dahin
Nimm mich mit
Auf die Reise
Durch die Erkenntnis
Des Lebens
Auch
Wenn ich dann
Nichts verstehen werde

© Beate Kunisch