Monatsgeschichte für den Monat Oktober 2018

Herbst

Der goldene Wald seufzt
Arbeitslos und welkend
Sich auf das kalte Alter vorbereitend
Stürme weisen auf den Lebensabend hin
Nebel flüstern leise ihren kühlen Hauch
In die morschen Baumglieder

Der Abend singt sein raues Schlaflied
Bis die Bäume kaum hörbar schnarchen
Zwischen Sommer und Winter
Verschenken sie ihre warmfarbigen Sonnenblätter
Bis sie sich nackt schämen
Und auf die weiße Decke warten,
die sie im Winter wärmt.

© Beate Kunisch

„Vom Jagdfieber gepackt“ – oder auch „Wer jagt hier wen?“

Ich bin Lucky, und ich muss euch was erzählen.

Gestern war ich mit meinem Frauchen Gassi gehen. Das tun wir mehrmals am Tag. Ich find’s toll. Alles voller Gerüche. Manchmal hat mir Tobi, der Dackel von nebenan, eine Nachricht dagelassen. Und einen Duft erkenne ich sofort, den von Lucy. Dann bin ich ganz aufgeregt. Sie ist eine sehr vornehme Pudeldame, immer nach der neuesten Mode geschoren. Ich habe schon oft versucht, ihr näher zu kommen. Es ist nicht einfach, sie ist zickig.

Aber ich schweife ab. Also: Ich war mit Frauchen auf dem Weg zum Wald. Sie lässt mich immer nur an der Leine laufen. So was Albernes. Sie selbst läuft frei herum. Joggen nennt sie das. Sieht aus wie rennen, ist aber viel zu langsam. Ich weiß, wie man richtig rennt, aber ich darf nicht.

Stellt euch vor: Da sitzt ein dicker Hase im Gras. Frauchen läuft genau in seine Richtung. Sie läuft und läuft. Doch das wird nichts, sehe ich schon. Nun renn doch! So fängt sie den Hasen nie. Ich will von der Leine, belle so laut ich kann. Doch sie lässt nicht locker. Der Hase schlägt Haken und macht sich aus dem Staub. Och nee. Ich krieg den noch. Ich kann richtig rennen. Mach mich doch los!

Da, endlich. Diese doofe Strippe rutscht ihr aus der Hand. Jetzt zeige ich ihr, wie schnell ich bin. Aber wo ist der Hase? Ich renne dahin, wo er eben noch war, schnüffle überall – nichts. Renne weiter, Frauchen hinterher. Plötzlich kann sie schneller. Und da bleibt auch noch der Strick im Gestrüpp hängen.

Ich ziehe und zerre und… Dann ist Frauchen da. Sie macht die Leine von dem Gestrüpp los und wickelt sie fest um ihre Hand. Dabei schimpft sie ständig mit mir, weil ich mich losgerissen habe. Sie hält die Leine so kurz, dass ich direkt neben ihr gehen muss, ganz langsam. Sie kann echt blöd sein. Losgerissen, püh! Ja, was bleibt mir denn anderes übrig? Seien wir mal ehrlich: So wie die läuft, wird sie nie was fangen.

© Martina Hörle

„Jagdfieber“ in der Destille, aber schön

DIE SOLINGER AUTORENRUNDE IN DÜSSELDORF.
Am 1. September 2018 waren wir – nach unserem Auftritt während der Düsseldorfer Literaturtage im Jahr 2017 – wieder einmal in Düsseldorf. Sehr gern lesen wir öffentlich im „Umland Solingens“, denn unsere Literatur soll keinesfalls irgendwo an eine Grenze, auch keine geografische, stoßen. Und wir mögen Düsseldorf mit seiner großen und vielgestaltigen Kulturszene, von daher ist die Destille in der Bilkerstraße inmitten der Carlstadt als Ort, wo Literatur gelesen wird, ja stattfindet, nur zu empfehlen.

Wir, die literarischen Individualisten, die sich vor ein paar Jahren zusammenfanden, saßen wieder am Autorentisch der Destille. Gegen 17 Uhr, der typischen Anfangszeit der BLAUEN STUNDE, die die Düsseldorferin Elisabeth Esch schon länger organisiert und moderiert, begann erst einmal die Musik. Die Schwestern ….. (Gesang und Klavier), setzten die erste Qualitätsmarke. Hiernach stellte ich der zahlreich versammelten Zuhörerschaft die SOLINGER AUTORENRUNDE vor, las auch thematisch einführend ein Gedicht, um dann unserer Martina Hörle den Platz hinter dem Mikro zu überlassen, die zum Thema JAGDFIEBER einiges beizutragen hatte. In einer Destille, die ganz und gar voller Kunstobjekte war. Was für ein Umfeld für eine literarische Lesung! Aber auch: Was für eine Stimmung … !? Ich freue mich jetzt noch über das, was uns an diesem späten Nachmittag gut gelang – vor einem sachkundigen, freundlichen, einfach netten Publikum, dem man gerne vorliest und vorträgt. Es geht nämlich für uns immer um die Qualität dessen, was wir wollen und tun.

Mit Freude brachten wir uns voll ein. Natürlich auch Andreas Erdmann, der Routinier der Fantasie, der mit einem historischen Rückgriff dem Begriff Jagdfieber einen sehr kritischen Horizont eröffnete. Eine witzige und geistreiche Karla J. Butterfield gab nach weiteren Musikbeiträgen und einer Pause kürzere Texte zum Besten, die sehr gut ankamen. Zuletzt las Kay Ganahl seinen Text „Peter im Jagdfieber“, mit dem er thematisch-inhaltlich die sexuellen Ausschweifungen von manchen seiner Geschlechtsgenossen aufgriff.

Die SOLINGER AUTORENRUNDE nächstes Jahr wieder in der BLAUEN STUNDE: Thema „Wundertüte“. Im Dezember. Wir freuen uns darauf!

© Kay Ganahl

„Jagdfieber“: Die Solinger Autorenrunde liest in Düsseldorf!

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Am 1. September 2018 liest die Solinger Autorenrunde mit.
Um 17 Uhr geht’s los.

Martina Hörle
Andreas Erdmann
Karla J. Butterfield
Kay Ganahl

präsentieren in der Düsseldorfer Destille, dem berühmten Kulturtreffpunkt, eigene Texte zu dem Thema „Jagdfieber“. Die Veranstaltung findet im Rahmen der BLAUEN STUNDE statt, die von Elisabeth Esch organisiert wird.

Wir freuen uns auf Sie/Euch!

Zum vierten Mal! – Eine Nachlese

Der Literarische Wandertag 2018 mit dem Thema „Literatur an der Grenze“

Von Kay Ganahl

Manchmal meine ich, dass er öfter stattfinden sollte! Es gelingt nämlich immer besser, das literarische Wandern in der freien Natur zu einer Art „kulturellem Vergnügen“ zu gestalten, so dass die AutorInnen des Freien Deutschen Autorenverbandes/NRW und der Solinger Autorenrunde plus GastautorInnen plus Gäste von der unterhaltsamen Lockerheit angetan sind, die eben auch in den literarischen Werken steckt, ohne dass ernste Inhalte auf dem Weg zum Zuhörer verlorengehen.

Jedes Jahr sind wir woanders. Und es soll immer wieder alles neu und noch interessanter sein! Dieses Jahr fand er – am 8. Juli 2018, 15 Uhr – in der Grünanlage Bärenloch nahe der Solinger City statt. Die „Literaturgemeinde“ traf sich zunächst einmal in der Hofschaft Stockdum.

Allein auf dem Gebiet der Stadt Solingen gibt es eine bunte Vielzahl von Möglichkeiten, den Literarischen Wandertag konkret auszugestalten. Im Rückblick: 2015 wanderten wir von Solingen-Unterburg bis in den Brückenpark, der an der Grenze zu Remscheid liegt. 2016 war es der Coppelpark, von wo aus wir über die Korkenziehertrasse bis in den Südpark (am Alten Hauptbahnhof) hinein wanderten. Und letztes Jahr begannen wir im historischen Ortskern Gräfraths, um dann, das Klingenmuseum hinter uns lassend, durch die angrenzende Heide zu wandern. Immer machte es Freude. Immer blieb uns allerdings auch das schöne Wetter treu. Ich möchte nicht ins Schwärmen kommen … Der Bärenloch-Park in Solingen ist vor Jahren zu einer groß angelegten Anlage für den Wanderer, Spaziergänger, aber auch zum Spielen für Kinder umgebaut worden. Ich bin geneigt, hier sogar von einer „geplanten und realisierten Idylle“ zu sprechen. Denn auf den gut ausgebauten Wegen, vorbei an diversen Sport- und Spiel-Einrichtungen, lässt sich die Natur in Ruhe erkunden.

Das frohe Spielen der Kinder stört dabei keinesfalls. Übrigens auch dann nicht, wenn die Gruppe der literarischen Wanderer geschlossen der geplanten Wanderroute folgt: Alle bewegten sich letzten Sonntag von Punkt zu Punkt. Es gibt nämlich diese Literaturpunkte, die vom Organisator im Vorfeld für jede Autorin, jeden Autor eingerichtet wurden. Die Gegebenheiten vor Ort legten es auch dieses Jahr im Bärenloch-Park einfach nahe, die eine oder andere geeignete kleine Örtlichkeit auszusuchen, wo die AutorInnen ihre Werke vorlesen sollten. Und mancher ließ sich dann auch, der/die VorleserIn wie einige aus der Schar der Zuhörer, so hatte ich den Eindruck, von der sommerlichen Pracht der Natur überraschen. Dabei war es wohl so, dass die Natur nicht von literarischen Inhalten ablenkte, sondern sie verstärkte – Zuhören und Zusehen sogar noch erleichterte. Die literarischen Werke der geladenen AutorInnen wurden, intensiv und fesselnd vorgelesen, noch schneller erfassbar! Menschen und Literatur und Natur waren eins!

Nun zu den Leseauftritten der AutorInnen zum diesjährigen Thema „Literatur an der Grenze“  … es sei mit der Autorin des 5. Literaturpunktes angefangen: Wie jedes Jahr kam Martina Hörle von der Solinger Autorenrunde, die vor Steinplatten nahe der Skater-Anlage unter anderem den Essay „Invasion an der Wupper“ las – die „Wupperorchidee“ verdrängt die anderen Pflanzen in der Wupper. Ein hochinteressanter Stoff. Zuvor hatte an dem 4. Literaturpunkt („Rastplatz“) der Autorenrunde-Neuzugang Annette Oppenlander „Der Bunker“ (Kriegserinnerungen ihres Vaters) vorgelesen. Oppenlander, die dreißig Jahre in den USA lebte und dort in Englisch schrieb und veröffentlichte, ist nun wieder in Solingen, um in ihrer Muttersprache zu schriftstellern. Die 2. Landesvorsitzende des FDA-NRW, Marlies Strübbe-Tewes aus Unna, hatte zuvor eine spannende biografische Kurzgeschichte bei den großen Steinen unmittelbar beim Kinderspielplatz vorgelesen, Titel: „Das Loch im Zaun“. Die Zuhörer waren begeistert, denn es wurde auch nicht an Humor gespart. Andreas Erdmann – Redakteur, Autor und eben auch Mitglied der Solinger Autorenrunde – amüsierte mit einem Text in Solinger Platt die Mitwanderer, hatte dann noch die Geschichte „Im Rosenbaumwald“ vorgelesen, die im Himalaya spielt. Ganz zu Beginn der Wanderroute überzeugte die Solingerin Christiane Trunk im umhegten Eingangsbereich des Bärenlochs mit authentisch- anrührenden Tagebucheintragungen zum Thema Alltag in der Psychiatrie.

Nach Annette Oppenlanders Lesung landeten wir in Reihenfolge am „6. Literaturpunkt Teich 1“. Es las dort Beate Kunisch, die in den Jahren 2017 und 2018 unter anderem in den Literaturradio-Produktionen Solingens organisatorisch und literarisch aktiv ist. Sie kam mit „Happiness is a warm gun“, der Geschichte eines jungen Machos. An dem folgenden Literaturpunkt „Lagerstätte“ (Grillplatz), auf einem Hügel gelegen, las ich, Kay Ganahl, der diesen Literarischen Wandertag organisierte, stellvertretend für meinen FDA-NRW Kollegen, den Landesvorsitzenden Dr. Manfred Luckas. Seinen Rap-Text „Mehr Wasser/ Meerwasser“ versuchte ich dann auch ein wenig „rappend“ herüberzubringen, was mir wohl einigermaßen gelang. Schon inhaltlich ist dieser Text aus Versatzstücken der Weltliteratur eine Herausforderung an die Lachmuskeln – auf hohem Niveau. Als Gastautorin trat auf dem großen Platz oberhalb des Grillplatzes die Wuppertaler Autorin Martina Sprenger auf, welche schon beim 1. Literarischen Wandertag begeistert mitwanderte.  „Reinlichkeit kann töten“ war ihr Beitrag für diesen 4. Literarischen Wandertag.

Nach weit mehr als zwei Stunden mit „Literatur an der Grenze“ setzte ich als derjenige, der die Ernsthaftigkeit eines jeweiligen literarischen Anliegens immer wieder betont, den Schlusspunkt. Und am Literaturpunkt „Teich 2“, im Zentrum des Bärenlochs, gewährte ich meiner Liebe zu dem Prager Schriftsteller Franz Kafka gezielt Ort, Zeit und Raum! Der literaturhistorische Essay „Franz Kafkas Blickwinkel“ soll nämlich erhellen, dass die Werke Franz Kafkas – nach dem 1. Weltkrieg entstanden – auf unser Heute prophetisch hinwiesen. Außerdem gab ich aus meiner Feder eine Mystery-Geschichte und eine prosaische Anleihe an den „Dachkammerdichter“ zum Besten.

Teneja Skrget aus Solingen, die während der dreistündigen literarischen Wanderung zur Gitarre sang, bereicherte die bunte Mischung der literarischen Beiträge um bekannte Popsongs. Sie sorgte zwischen den Auftritten der AutorInnen zusätzlich für gute Stimmung. Die 20 „literarischen Wanderer“ wurden von mir schließlich mit Dankesworten verabschiedet, wobei ich nicht vergaß, auf die Veranstaltungsplanung des Jahres 2019 hinzuweisen – es wird sicher einen 5. Literarischen Wandertag geben. Doch ist noch nicht heraus, in welcher Stadt er stattfinden wird.

(© Kay Ganahl, 2018)

4. Literarischer Wandertag: „Literatur an der Grenze“

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(Quelle: SolingenMagazin 09.07.2018)

Literarische Grenzüberschreitungen im Bärenloch

SOLINGEN (mh) – Nicht um Grenzen der Literatur, vielmehr um literarisch geschilderte Grenzüberschreitungen ging es beim „4. Literarischen Wandertag“, zu dem die Solinger Autorenrunde gemeinsam mit dem Freien Deutschen Autorenverband NRW (FDA) eingeladen hatte.

An neun ausgesuchten Lesestationen präsentierten die Autoren ihre Texte zum Thema „Literatur an der Grenze“. Dabei spannte sich der Bogen von alltäglichen Situationen über Kriegserinnerungen bis hin zur Fantasy-Literatur.

Neun Lesestationen im Bärenloch

Grenzen fordern heraus, überschritten zu werden. Welche Grenzen muss der Mensch wahren? Wo stößt das Denken an Grenzen? „Jeder, der spricht oder schreibt, setzt sich seine eigenen Grenzen“, so Organisator Kay Ganahl. Der Autor ist Mitglied der Solinger Autorenrunde und des FDA.

So machte sich eine 20-köpfige Gruppe auf den etwa dreistündigen Weg durch das Bärenloch. Christiane Trunk eröffnete den literarischen Reigen mit einer tagebuchähnlichen Schilderung eines Patienten in der Psychiatrie. Ständiger Wechsel zwischen Unternehmungsfreude und Depression. Ein nicht ganz leichter Stoff, doch ging es der Autorin vor allem darum, Vorurteile abzubauen.

Andreas Erdmann sorgte mit einer humorvollen Einleitung in Solinger Mundart für viel Gelächter und Applaus. Dann nahm er die Zuhörer mit nach Asien zu einer Bergbesteigung. Der unheimliche Weg führte durch den Rosenbaumwald und seine Geister. Deren Identität wurde später gelüftet und sorgte für Verblüffung.

Auf eindrucksvolle Weise beschrieb Annette Oppenlander in ihrem Werk „Der Bunker“ Kindheitserlebnisse im Brühler Bunker aus Sicht ihres Vaters.

Von Mystik bis Kriegskindheit

Auch bei Martina Hörle wurde es mystisch. Ein junger abenteuerlustiger Mann folgte einer Gestalt auf den Burgturm. Am nächsten Morgen fand man einen Toten. Danach gab die Autorin einen kurzen Überblick über die „Invasion an der Wupper“.

Marlies Strüwwe-Tewes schilderte in „Das Loch im Zaun“ ihre erste Berührung mit den Grenzen in Form eines Gartenzauns. „Heute sind die häufigsten Begrenzungen die Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr“, schmunzelte die Autorin des FDA.

In „Happiness is a warm gun“ erzählte Beate Kunisch von einem jungen Macho, der mit Vorliebe nach kurzer Zeit seine oft parallel laufenden Amouren per WhatsApp beendete. Auch zu einer jungen Frau, die ihm mehr bedeutete, als er geglaubt hätte. Die Geschichte endete mit einem Suizid.

Gastautorin Martina Sprenger gab ein fast schon eklig-amüsantes Beispiel dafür, dass zu viel Reinlichkeit töten kann. Die Reaktion der Zuhörer war eine Kombination aus „Iiii“ und herzhaftem Lachen.

Liquide Collage begeisterte

Autor und Organisator Kay Ganahl hatte gleich zwei Auftritte. Für seinen Kollegen Manfred Luckas, Vorsitzender des FDA, der leider kurzfristig absagen musste, trug Ganahl eine liquide Collage in zwei Teilen vor. Der Rap „Mehr Wasser / Meerwasser“ war ein gelungener Mix aus literarischen Auszügen und bekannten Songtiteln. Da ging es um den Kapitän, der viel Wasser schlucken musste, um in seinem Element zu sein oder um Brecht, der von Moby Dick abschrieb, ohne mit der Wimper zu klimpern.

Mit Songs wie „Fields Of Gold“ oder „Venus“ begleitete die Musikerin Teneja mit Stimme und Gitarre die Literaten auf ihrer Tour durch die Grünanlagen und gewann gleich einen neuen Fan. Ein etwa dreijähriges Mädchen war ganz fasziniert und konnte sich kaum von der Sängerin trennen.

Literaturwanderung auch im nächsten Jahr

Die literarische Erkundung fand am Teich einen gelungenen Abschluss. In seinen eigenen Texten berichtete Ganahl von der nötigen Selbstdisziplin beim Schreiben und von einem Buch, das gelesen werden wollte. „Im kommenden Jahr wird es sicher einen „5. Literarischen Wandertag“ geben“, kündigte der Autor an. „Möglicherweise auch mal in einer anderen Stadt.“

 

SG 24h live2018 – Studiowelle 2

Am Samstag, 23. Juni, waren Kay Ganahl, Karla J. Butterfield und Martina Hörle bei der Studiowelle 2 zu Gast. Das ehrenamtliche Radio im Klinikum präsentierte sich bei Solingen 24 Stunden live und hatte dazu auch die Solinger Autorenrunde eingeladen.

Es war sehr interessant und hat einen Riesenspaß gemacht.

Hier ist ein Mitschnitt unserer Geschichten. Wer mag, kann gerne reinhören.

Monatsgeschichte für den Monat Juli 2018

Fang die Sau
(Pierre erzählt)

Mein Vater war der liebeswerteste und verständnisvollste Vater, den ich mir je wünschen konnte. Bis auf den Tag an dem Cochonette geboren wurde und Oma Lisa rote Wangen bekam. Da verwandelte er sich in einen wütenden Stier.

Unsere Familie, das heißt. meine Eltern, Oma Lisa, meine drei jüngeren Schwestern, Marie, Sophie, Toinette und ich, der Älteste, hatten eine Metzgerei auf dem Platz eines kleinen Städtchens namens Poitiers in den Limouren.

Während unser Vater im Laden stand, unsere Mutter im Wohnzimmer am Klavier Sonaten klimperte und Oma Lisa in der Küche hantierte, lungerten wir Kinder auf der Strasse oder im Hof herum. Nachdem wir uns lange genug gelangweilt hatten, erfanden wir dann die mannigfaltigsten Spiele. Wir besaßen wenige Spielsachen. So mussten wir uns mit Steinen, Eimern, Erde, Stühlen oder Flaschen, also allem, was herumstand, begnügen. Jeden Tag erfanden wir neuere und bessere Spiele.

Ein Spiel aber war das beliebteste Spiel von allen. Es hieß „Fang die Sau“.

Sobald wir sicher waren, dass die Erwachsenen im Laden oder im Haus beschäftigt waren, rannten wir los, öffneten das große Tor zum Kühlraum der Metzgerei, sprangen auf die an beweglichen Haken hängenden Schweinehälften, die sich sofort in Bewegung setzten, denn die Haken waren in langen an der Decke befestigten Schienen verankert, und düsten in einem Affentempo von der einen Seite des Kühlraumes zur anderen. Das war aber noch nicht alles. Während des Gleitens musste man die Schuhsolen in einen der Eimer eintauchen, in denen sich blutige Innereien befanden, dann die Beine strecken und an der weißgekachelten Zielwand einen blutigen Fußabdruck hinterlassen. Danach kam es zur Siegerehrung. Derjenige, dessen Schuhabdruck am höchsten war, war der Sieger und hatte somit beim Abendessen die Wahl, von einem der anderen den Nachtisch einzufordern, oder zu bestimmen, wer seine gehasste Spinatportion aufessen muss.

Die Eltern durften auf keinen Fall von unserem Lieblingsspiel erfahren. Soweit reichte ihre Liebe nicht. So wuschen wir jedes Mal die Sohlen und die gekachelte Wand wieder blitzblank.

Eines schicksalhaften Tages aber hörten wir von oben aus der Wohnung ein lautes Jammern und Wimmern.

„Wir bekommen ein Kätzchen“, freute sich Toinette.
„Oder ein kleines Schweinchen!“, rief voll Begeisterung Sophie.

Und so rannten wir hoch zu unseren Eltern, um das Geschenk entgegen zu nehmen und vergaßen, die Spuren unseres Spiels zu beseitigen.

Oben im Schlafzimmer lag unsere Mutter im Bett und hielt ein rosiges, pausbackiges Schweinchen im Arm. Das Schweinchen spuckte, quiekte und schrie so laut, dass die rosige Haut purpurrot wurde.

Zu unserem Erstaunen erfuhren wir, dass dies nicht das von uns heiß ersehnte Haustier war, sondern unsere kleine Schwester, die zur allgemeinen Belustigung den Namen Cochonette (Schweinchen) erhielt.

Während sich aber die ganze Familie um das Baby versammelte, spielte sich unten im Kühlraum eine dramatische Szene ab. Im offenen Tor des Kühlraumes erschien ein Mann im dunklen Anzug und Hut mit einem dicken Heft unter dem Arm. Dieser schwarze Herr war vom hiesigen Ordnungsamt.

Die weiteren Gegebenheiten kann ich nicht chronologisch wiedergeben, denn mein Unterbewusstsein hat sie als besonders schmerzhaft im hintersten Winkel meiner Seele vergraben.

Lebhaft erinnern kann ich mich aber an Vaters schwarzen Regenschirm, der direkt nachdem der Ordnungsbeamte gegangen war, auf meinem Rücken herumtanzte. Schlimmer noch, am Abend, als meine Schwestern schon schliefen, bekam ich vom Vater eine Predigt, dass ich als Ältester völlig versagt hätte.

Bis in die tiefe Nacht stritten sich meine Eltern im Schlafzimmer. Meine Mutter schrie meinen Vater an, er solle mit der Kinderfabrikation endlich aufhören, dann hätte sie mehr Zeit für jeden Einzelnen von uns. Mein Vater warf ihr das ewige Klaviergeklimpere vor, das zu nichts nütze und nur ihre wertvolle Zeit koste. Ich lag lange wach im Bett und fühlte mich verantwortlich.

Alles das hätte ich noch wegstecken können. Als ich aber im Flur des Gerichtsgebäudes am Tag der Verhandlung Tränen in den Augen meines Vaters sah, wünschte ich mir, ich wäre tot. Die Verhandlung war schnell vorbei. Mein Vater musste eine satte Strafe bezahlen und monatliche Kontrollen des Ordnungsamtes über sich ergehen lassen.

Wäre Cochonette nicht gewesen, die auf dem Rückweg im Auto im Arm meiner Mutter lag und vergnügt grunzte und schmatzte und ihre Händchen um unsere Finger schloss, wäre unsere Familie nie wieder glücklich geworden.

Als wir nach Hause zurückkehrten, kam uns Oma Lisa mit geröteten Wangen entgegen und berichtete aufgeregt, dass sie heute einen enormen Umsatz erzielt hätte. Alle kamen in den Laden, denn sie waren neugierig, was bei der Verhandlung herausgekommen war und kauften ordentlich ein. Das stimmte meinen Vater wieder milder. Beim Abendessen legte er mir den Arm um die Schultern und zwinkerte mir verschmitzt zu.

© Karla J. Butterfield

 

Monatsgeschichte für den Monat Juni 2018

Auch so ein Stalking

Sie lief ihm nach. Das war nicht zu übersehen. Ich beobachtete beide, wie sie auf dem Bürgersteig – eine junge, etwa zwanzigjährige Frau hinter einem eher Fünfzigjährigen – unterwegs waren. Die im Ort als „Büchertante“ verschriene Frau, die sich vorgenommen hatte, diesen Menschen für sich selbst zu vereinnahmen, ließ seit Tagen nicht locker. Sie hatte es ja überall verkündet. Und er konnte das, was sie tat, so nahm ich in diesen Augenblicken als Beobachter an, nur als Stalking wahrnehmen. Ich beobachtete ganz genau: Sie war jetzt nur ein paar Meter hinter ihm. Ihr gelber Jeansrucksack, in dem sie irgendetwas Schweres transportierte, war an der Seite schon leicht eingerissen. Schaute ein Buch heraus? In ihrem verzerrten Gesicht las ich die blanke Wut. Ich dachte aber nicht, dass sie Böses beabsichtigte, denn sonst hätte ich eingreifen müssen.

Der verfolgte Hans blickte sich nervös um, wenn nicht sogar etwas ängstlich. Was er wohl dachte? Sie stieß dann einen Fluch aus, woraufhin er weiterstrebte. Offensichtlich stark verunsichert. Dann geschah es: Sie nahm den Rucksack herunter, um ihn dem Mann in den Rücken zu werfen, so dass er vornüber auf den Bürgersteig stürzte. Ein lauter Aufschrei! Alsdann fiel sie über ihn her. Die sportliche junge Frau setzte ihm ordentlich zu. Er wehrte sich kaum dagegen.

Die Hilfeschreie hörte keiner, nicht einmal ich. Jedenfalls wollte ich ihm nicht helfen. Und so machte sich bei mir das schlechte Gewissen bemerkbar. Ich lief zu beiden hin, und dann riss ich den gelben Rucksack von beiden weg. Ich öffnete ihn in einem nahen Hauseingang. Was ich an Sachen erblickte, erstaunte mich durchaus: Einige Bücher. Durfte mich das denn erstaunen – ? Sie war doch die „Büchertante“. Der Kampf der beiden ging ohne mein Eingreifen weiter, noch lauter gar.

Und ich setzte mich mit einem der Bücher in Händen auf die Treppe des Hauseingangs, wo ich mich in die schön gedrechselten Sätze dieses Goethe vertiefen konnte …

© Kay Ganahl, 2016.