Monatsgeschichte für den April 2017

In diesem Monat gibt es zwei kleine Gedichte von Saga Grünwald.

 

 

 

 

Grünes Tuch

Frühling ist ein grünes Tuch

zieht sich über unsre Erde

tüpfelt es mit Farbenspiel

Sonnenschatten, Blumen viel

atmen süße Honigdüfte

vergessen ist des Frostes Spiel

Grünes Tuch liegt auf den Bäumen

kleidet sie in Blütenträume

Vögel singen Freudenlieder

Schmetterlinge kehren wieder

Neues Leben, ja, es werde!

© Saga Grünwald

 

Das Rad

Eben noch sangen die Vögel zum Morgen

in den Wipfeln, doch schon weicht das Glück

den bitteren Stunden, zehrenden Sorgen

von Efeu gefesselt der Blick

Ein Lachen, ein Kichern, ein Singen

flügelt mit lichten Schwingen

erstes stummes Befreien

Hallo! Ich suche das Glück

zur Geste gewordenes Schreien

erstarrt, und leis kehrt zurück

des Lebens sanftes Verzeihen

© Saga Grünwald

 

Monatsgeschichte für den Februar 2017

„Schmetterlinge“

Mittlerweile war es kaum noch erträglich. Aus einem schönen, angenehmen Sommer war etwas ganz anderes geworden … die Tier- und Pflanzenwelt nahm Schaden; auch die Schmetterlinge hatten sich verzogen, Herzblätter segelten vorerst nicht mehr von den Bäumen. Alle netten Menschen schienen ausgeflogen zu sein – Augustine nahm an, dass sie nicht weit entfernt sein konnten, denn sie brauchten ja nach wie vor ein Heim. Sie wollte aber erst einmal allein inmitten der sich vor ihren Augen und Ohren verändernden Umwelt bleiben. Der Grund für diese Veränderungen war für sie ein Rätsel. Das drängende Außen des überraschenden Veränderungsprozesses zwang Augustine zum längeren Warten, denn sie musste warten, um Zeit für das Sammeln von Kenntnissen und Erkenntnissen verwenden zu können. Das freute sie.

Bevor das offenkundige und endgültige Scheitern der Natur eintrat, musste sie auch noch bei sich – in ihrem Innen – aufräumen, Gedanken finden und speichern. Holla! Gedanken! Hatte sie die denn überhaupt noch angesichts dieses ungeheuerlichen Veränderungsprozesses? All dies Neue war höchst ungewöhnlich, doch sie nahm es als wichtigste Erfahrung ihres Lebens und akzeptierte es voll.

Warum auch nicht  –  ging es doch um sehr viel?!

Oftmals blickte Augustine morgens nach der Toilette zunächst gedankenverloren aus dem Fenster vor dem Frühstückstisch in die hoffnungsfroh-bedrückende Weite dessen, was sich kurz vorher, nach dem Öffnen des Vorhangs und dem Zur-Seite-Schieben einer gelben Gardine  wieder mal unerwartet für sie aufgetan hatte.

Im Internet hatte Augustine zahlreiche Ankündigungen böser Menschlein gelesen, die nicht umhin kamen, sich weltweit für oder gegen etwas mit politischen Sprach-Attacken und Videos einzusetzen, was Augustine nicht besonders gut gefiel.

In einem der vielen Spiegel im Frühstücksraum ihrer Villa am Fuße des Berges Kakal erkannte Augustine nunmehr zu ihrem Erstaunen, dass es hier, vor Ort, noch eine gute Zeit für sie geben konnte. Sie gedachte all des Vergangenen ihres eigenen Lebens in vielen Einzelheiten, es marschierte nun bildhaft vor ihr auf.

Endlich wollte sie wieder ganz in Ruhe an ihrer Dissertation zum Thema „Welten-Verbund“ weiterarbeiten, zu diesem Zweck innerlich aufrüsten –   sich gedanklich und auch gefühlsmäßig fangen.

Keineswegs wollte sie resignieren, schon gar nicht angesichts der Gesamtlage aufgeben. Denn das Gefühl der Sehnsucht hatte sie gepackt. Eine solches, das den einzelnen Menschen bannt, fesselt und in eine andere, schönere Welt entführt. Die Erfüllung in liebender Gegenseitigkeit erhoffte sie für sich, für alle Menschen, womit sie nicht alleine stand, doch man konnte sich in diesen Wochen und Monaten nicht leicht organisieren …

Immer noch dachte sie an das Vergangene, sehr konkret Gewesene. Die sie neuerdings erfüllende Sehnsucht war gespeist aus Hoffnung. Vieles musste noch geklärt werden, doch schien nichts unmöglich zu sein.

Aus dem Buch von Kay Ganahl: „Fußangeln, Grenzpfähle und Fallgruben. Kurze Prosa“, veröffentlicht im Grille Verlag, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Monatsgeschichte für den Januar 2017

Kanzlerin allein zu Haus
Karla J. Butterfield

Sie steht in ihrer Hotelsuite am Fenster und schaut auf die Straße. Überall Straßencafés, Musik, Rosenverkäufer, sommerlich gekleidete Menschen auf der Jagd nach den frischen Sonnenstrahlen. Sie wendet den Blick ab und schaut auf ihre Hände.

Das Land ist überfüllt, die Mieten steigen. Hier muss eine Lösung gefunden werden. Die Finanzmärkte sehen nicht gut aus. Es gibt Entscheidungen, die man nicht auf die lange Bank schieben sollte. Welche Konsequenzen werden die Wahlen in den USA, der Brexit auf die Weltpolitik haben? Sollte man sich darauf vorbereiten? Sie muss noch einmal die Rede über die Flüchtlingsquoten durchgehen. Der Empfang heute Nachmittag steht an. Friseur, Festgarderobe, Maske – das Fernsehen ist dabei.

Ihr Ehemann ist bereits heute früh von einem Fahrer abgeholt worden. Er fährt zu einem Kongress nach Genf, dann nach Bruxelles. Er hat noch Probleme mit seinem Englisch. Sie selbst spricht mehrere Sprachen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hört sie eine Kassette mit „Arabisch lernen“. Vor der Abreise sagte er zu ihr: Sorge dich nicht ständig, lass los, dann kannst du Berge versetzen.

Der Tag ist überstanden. Sie steigt aus der Limousine, atmet die Sommergerüche ein. Der Wagen entfernt sich. Die Bodyguards bleiben vor dem Haus stehen. Die Wohnung ist leer, als hätte sie jemand mit dem Löffel ausgehöhlt. Sie nimmt ein Bad, danach geht sie in die Küche und wärmt sich das Gulasch, das die Köchin für sie vorbereitet hatte, in der Mikrowelle auf. Gulasch mit dunkler Soße und Serviettenknödeln. Ordentlich scharf mit Kümmel und Sahne. Plink, das Essen ist fertig. Sie setzt sich zu Tisch, atmet tief ein, piekt das erste kleine Stück Fleisch auf, führt es zum Mund und kaut nachdenklich. Es schmeckt heute besonders gut, trotz der Hitze. Diese Ruhe, nur die Luft flüstert leise. Sie kann ihre Kaubewegungen hören. Isst gemächlich, abwechselnd Knödel, Fleisch, Paprikastückchen. Nun ist nur die braune sämige Soße übrig. Langsam senkt sie den Kopf und tunkt ihre Zunge in die Soße hinein, (sie möchte den Zauber dieses Genusses nicht durch das Aufstehen und Löffel holen zerstören), schürzt die Lippen und schlürft, als wäre sie ein Staubsauger. Ihre Haare fallen seitlich hinab und bilden ein schützendes Zelt um den Teller. Sie schließt die Augen und taucht noch tiefer hinein. Saugt und schlürft, leckt und schmatzt. Ganz allein, in der Stille des Hauses, für diesen einen Augenblick lässt sie los.

© Karla J. Butterfield