„Surviving the Fatherland“ – Kombinierte Präsentation und Lesung

Annette Oppenlander lädt zu ihrer ersten Lesung in Solingen ein!

Oppenlander verbrachte die erste Hälfte ihres Lebens in Solingen. Nach 30 Jahren in den USA lebt sie seit September 2017 wieder in ihrer Heimatstadt.

Am Donnerstag, 19. April 2018, um 19 Uhr gibt es im Forum der VHS, Mummstraße 10, eine kombinierte Lesung mit Präsentation aus dem mehrfach ausgezeichneten Roman „Surviving the Fatherland“.
Die Autorin erzählt darin die wahre Geschichte ihrer Eltern, die als Kriegskinder in Solingen aufwuchsen.

Zurzeit arbeitet Oppenlander an der deutschen Übersetzung ihres Werks.

Monatsgeschichte für den Monat März 2018

Im Exil

Eine Kurzgeschichte von Andreas Erdmann.

Berlin im kalten Dezember 1976. Frühmorgens, um Viertel vor Fünf, verlassen drei Menschen im Ostteil der Stadt ihre Wohnung: Der Lyriker Thomas Brasch, seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Katharina Thalbach und die kleine Anna hasten im langen Schatten der Mauer zum Bahnhof Friedrichstraße: „Ist es wahr?“, will der Grenzbeamte der DDR von Thomas wissen, „Genosse Honecker hat Sie persönlich verabschiedet?“  – „Ja, und zwar mit Respekt und mit Handschlag.“ – „D… Dann, auf Wiedersehen!“, stammelt der Volkspolizist und lässt sie passieren. Sie kommen zum Bahnsteig. Sie steigen ein in die erste S- Bahn des Tages, sitzen und warten. Da! der Wagen ruckt an, und sie fahren über die Mauer hinweg von Deutschland nach Deutschland.

Gegen halb Sechs trafen die Drei, mit ihren wenigen Habseligkeiten, am Bahnhof Zoo in Westberlin ein. Ein Reporter trat auf sie zu: „Also wurden, nach Biermann, auch Sie ausgebürgert?“ Nein, gab Thomas, im Laufschritt, zur Antwort, die Behörden hätten ihnen endlich den Ausreiseantrag bewilligt. „So sind Sie freiwillig hier im Exil?“
Thomas blieb stehen und sah den Mann an: „Jeder Mensch lebt im Exil“, sprach er, mit zitternder Stimme. „Ein jeder von uns, hier wie jenseits der Grenze, ist heimatvertrieben, verjagt aus dem Land seines Herzens.“
„Hallo, ihr Lieben!“, vernahmen sie mit einem Mal einen Ruf aus dem Halbdunkel: „Willkommen im Westen!“ Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius kam ihnen auf der Treppe entgegen. Befreites Lachen. Umarmungen. Küsse. Delius trug den Koffer zum Auto. Dann fuhr er Kathi und Anna zu ihren Verwandten nach Tegel. Thomas nahm er in seine Wohnung mit.
Nach dem ersten Schluck Kaffee sprang Thomas auf, wollte telefonieren. „Wen willst’ n anrufen?“ – „Den Jörg Mettke vom ‚Spiegel’, Herrn Schneider und… all meine Freunde im Westen.“  – „Aber Thomas! Die schlafen noch um diese Zeit.“ – „Ja, und?“, lachte er und griff schon zum Hörer, „dann werd ich sie wecken!

Ein paar Wochen später lebte Thomas mit Kathi und Anna in einer eigenen Wohnung. Dort empfing er den westdeutschen Autor Georg Stefan Troller, begleitet von einem Kameramann, Carl Friedrich Hutterer. Sie planten einen Fernsehbericht über den Ex- DDR- Dichter.
„Sehn Sie sich um! Ich brauche nicht viel, weder Schränke noch Heimat“, grinste der Literat. Er führte sie durch die halbleeren, mit spärlichen Möbeln und Kisten eingerichteten Zimmer. „Ich wohne ja in den Räumen der Sprache.“

Troller und Hutterer saßen wartend auf wackligen Stühlen. Thomas ging auf dem Flur auf und ab. Telefonierte mit Theaterregisseur Bondy. Führte dann ein Gespräch mit Katharina, flüsternd im Nebenraum. Endlich kam er zu ihnen, reichte Kaffee, ließ sich bei ihnen nieder.
Viel besser als in der DDR, erklärte er, fühle er sich in der BRD nicht. „Da komme ich aus einem Land, das seine Schmerzen durch Ideologie nicht zu lösen versteht, und lande in einem anderen, das sie durch Geld auch nicht löst.“
Troller verwies auf die Unterschiede.
„Allerdings, die sind krass! Andererseits… Ob ich durch West- oder Ostberlin gehe, erlebe ich hier wie dort Menschen an Orten, die, wie schon Brecht sagte, eigentlich nicht bewohnbar sind“, sagte Thomas und senkte den Blick. „Wohnsilos, Kaufhäuser, Fluchten von Straßen… Stätten, an denen der Mensch sich verliert und sich letztlich nur noch an seiner Arbeit festklammert. Und in diesem Punkt“, er blickte auf, „bin auch ich angeschlagen.“
„Sie arbeiten wieder?“ fragte ihn Troller. -„Ja, ich hab mit der Arbeit an meinem ersten westdeutschen Gedichtband begonnen.“  Wie viele Gedichte er denn schon hier geschrieben habe? „Im Westen?“, meinte er, etwas verlegen, „ehrlich gesagt, noch kein einziges. Es ist seltsam, ich konnte bislang hier nicht schreiben.“ Wie gehe das zu, ein Gedichtband ohne Gedichte? „Nun, es wird es eine Sammlung mit früheren Texten, die ich überarbeite…“ Thomas erhob sich und trat an die Fensterbank, nahm seinen Fotoapparat in die Hand und erklärte: „Sehen Sie, dazu schieße ich Fotos. So mache ich erst mal Bilder statt Worte. In Worte kann ich das, was ich im Westen erfahre, bislang nicht fassen. Es ist unbeschreiblich.“

Klack! Klack! Klack! – Thomas stand auf dem Kurfürstendamm und fotografierte Fassaden von Kaufhäusern, Schaufenster, Türen.
„Tja, so schaut’s aus in diesem großen Kaufhaus des Westens“, sprach er zu Troller und Hutterer, kehrte sich um und lichtete – Klack! die automatische Schiebetür zu einem Autohaus ab. „All diese Türen im Herzen der Stadt“, erläuterte er, „dienen nicht mehr der Begegnung von Menschen sondern einzig dem Kundenfang. Und alle Menschen hier leben offensichtlich nur noch davon, zu kaufen und zu verkaufen.“ Sprach’ s und grinste in Hutterers laufende Kamera: „Genauso wie wir. Wir verkaufen ja Brasch!“
Solch einen Eindruck, so Troller, bekäme man wohl, wenn man sich nach den Jahren des Mangels im Osten plötzlich im Überfluss wiederfände?
„Aber in Westen herrscht doch derselbe Mangel!“, gab Thomas zurück, „er wird nur vom Warenstrom überdeckt. Jenseits der Mauer ist sichtbarer, dass etwas fehlt, und darum erscheint ein Land wie die DDR in Westeuropa so unpopulär.“
„Sie sprechen vom Mangel am Wesentlichen…?“ – „O ja, natürlich!“ – „Sie meinen, man kauft all diese Dinge weil man eines – Liebe nicht kaufen kann?“
„Liebe, auch Freundlichkeit und Vertrauen, Achtung und Lebensmut… all dies, woran es den Menschen heut fehlt, ist nicht käuflich“, sagte er, schaute sich um in der Einkaufstrasse, „aber die bessere Stereoanlage!“, fügte er an und fotografierte – Klack! Klack! – ins Schaufenster eines Rundfunkgeschäfts.

Die Männer gelangten zum Breitscheidplatz. Da hob Thomas den Blick, schaute auf zum zerbombten Turm der Gedächtniskirche und sagte, im bitteren Ton: „Germania ist von den Narben der deutschen Geschichte gezeichnet. Die alte Dame leidet so schwer an den tiefen, klaffenden Wunden des über Jahrhunderte dauernden Krieges. Dazu das Blut nach jenem ungeheueren Blutbad des Naziregimes… Bis auf den heutigen Tag ungestillt…“ Troller schwieg, starrte auf die Ruine.
„Man müsste die kranke Dame behandeln“, sprach Thomas. „Aber Germania leugnet den Schmerz. Sie benimmt sich wie eine seltsame, alternde Schauspielerin, geht in die Maske und lässt sich im Osten Schicht um Schicht Schminke auftragen. Dazu den Duft verstorbener Geister…“ – „Und bei uns im Westen?“, fragte Hutterer.
„Ach!“ Thomas blickte sich um, „da schüttet man massenhaft Geld in Germanias Wunden, worunter sich alles nur noch mehr entzündet.“
„Mal zu uns beiden“, sprach Troller zum Ende der Dreharbeiten, „ich habe den Eindruck, Sie fühlen sich vom Fernsehen ausgebeutet?“
„Nein. Allerdings geht es bei Ihnen zu wie im Restaurant: Sie sind der Kellner, die Fernsehzuschauer sind ihre Gäste, und ich bin das Schnitzel.“
Troller grinste bei dem Vergleich, und Thomas fuhr fort: „Die Frage ist, ob Sie das Schnitzel so zubereiten, dass es den Gästen auch schmeckt.“
„Sie meinen, ob es nach Schnitzel schmeckt? und Sie authentisch sind?“
„Nein, dass Geschmack dran kommt, wenn auch nur Würze.“
Ihm gehe es aber um Authentizität, verwehrte sich Troller: „Ich möchte, dass es nach Ihnen schmeckt…“
Thomas erbleichte, senkte den Blick: „So spricht der Menschenfresser!“

„Und?“ fragte ihn Katharina am Abend, „wie ist die Sache mit Troller gelaufen?“
„Weiß nicht“, Thomas zuckte die Schultern. „Ich war etwas frech zu  ihm.“
„Kommst du denn mit deiner Arbeit voran?“
„Die Fotos gehen mir gut von der Hand. Doch mit dem Dichten ist’s furchtbar. Mir scheint, ich kann nicht mehr schreiben.“
„Vielleicht ist die Sprachlosigkeit nur bezeichnend für diesen Ort, diese Zeit.“
„Tja, man sucht noch zu schreiben, zu sprechen, zu denken, wie es der Mensch seit hunderttausend Jahren gelernt hat. Und nun sieht man mit an, wie die Sprache zerfällt. Sie geht immer mehr in den Bildern der Werbe- und Fernsehwelt unter; für immer weniger Dinge gibt es noch Wörter, und alles verschwimmt, verschwindet in einer gewaltigen Bilderflut.“
Die Frau nickte, ergriff seine Hand: „Ach, Kathi!“ seufzte er da, und ein feuchter Glanz legte sich ihm auf die Augen, als er sie unverwandt ansah: „Es sind ja Dinge, die kann man nicht… kann man nicht aussprechen. Die kann man einfach… die… Dafür gibt’s keine Worte.“

Monatsgeschichte für den Monat Februar 2018

Die Zeitfrage

In meinem Traum traf ich die Zeit
wir unterhielten uns recht lang
Ich kam bald in Verlegenheit
wie lieblich ihre Stimme klang

„Komm, zeig dich mal!“, rief ich dann schrill
und schaute ganz erwartungsvoll
„Ich ungesehen bleiben will.
Sei bitte nicht so anspruchsvoll!“

„Nun gut, auch wenn ich dich nicht seh
Was ich schon immer wissen wollt
Die Antwort ich von dir erfleh
Sie ist mehr wert als Geld und Gold

Als Kind nahm ich dich anders wahr
du warst stets so gemächlich
Dann stelltest du dich anders dar
du warst flugs ganz erträglich

Doch heute eilst du immer schneller
die Umkehr der Verzögerung
Du als des Lebens Hauptdarsteller:
Was ist der Grund der Änderung?“

Die Zeit nach einer Weile lachte
und mir dann zu verstehen gab:
„Ich mir dabei schon etwas dachte
Das geht so weiter bis ins Grab

Ich nicht werde immer schneller
nur höchstens individueller
Du wirst von mir stets gleich behandelt
DU bist das, was sich verwandelt.“

(© Beate Kunisch)

Monatsgeschichte für den Monat Januar 2018

Die erste Monatsgeschichte des neuen Jahres liefert Kay Ganahl.

Heiliger Abend: Demo in Solingen

Satire von Kay Ganahl

Der Winter hat ja, was das Wetter anbetrifft, noch nicht richtig angefangen … am Heiligen Abend hätte man sich schon ordentlich Schnee auf Straßen und Plätzen unserer Stadt gewünscht. Ich schlenderte an diesem „Abend der Abende“ die Hauptstraße hoch, hatte gerade meine Mütze über die Ohren gezogen, als ein bebrillter Zeitgenosse, in Schaftstiefeln, auf mich zustürzte. Vor Schreck starrte ich ihn erst nur an. Er war blass im Gesicht, fragte mich ziemlich wirres Zeug, unter anderem aber auch nach dem Rathausplatz, wo angeblich eine „Demo für die Reform des Weihnachtsfestes“ stattfinden sollte.

Darüber staunte ich sehr, konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, dass am Heiligen Abend irgendjemand an so einer Demonstration teilnehmen würde. „Absurd!“ gab ich von mir. Dann erklärte ich allerdings dem jungen Mann, der so um die 20 Jahre alt und ganz blond war, den Weg. Sofort strebte er in Richtung des Rathausplatzes. Ich war neugierig geworden, weshalb ich ihm unauffällig folgte. In der City war alles still – 18, 19, 20 Uhr war die Zeit des traditionellen Schenkens und Beschenktwerdens in den Familien. Dann beobachtete ich, dass der junge Mann, am großen Briefkasten auf dem Platz angekommen, aus seinem wetterfesten Rucksack ein Transparent herausholte, auf dem „Für die Verteilung von Kunstschnee am Heiligen Abend in Solingen!“ stand. Nach kurzer Zeit gesellte sich eine Gruppe von Gleichgesinnten zu ihm. Sie skandierten schließlich „Wir fordern, dass die Stadt Solingen in Solingen gratis Kunstschnee verteilt!!!“ Ich staunte nun noch viel mehr.

(© Kay Ganahl, 2017)

 

„DRAMATISCHE WEIHNACHTEN“

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Literarische Lesung des Freien Dt. Autorenverbandes/NRW und der Solinger Autorenrunde im Wuppertaler Swane

Von Kay Ganahl

Was ist denn an Weihnachten dramatisch? Gute Frage, wenn ein solches Wort Teil des Titels einer Leseveranstaltung ist. Die AutorInnen, die aus ihren eigenen Werken, veröffentlicht in dem Buch „Dramatische Weihnachten. Eine Anthologie mit Gedichten und Geschichten“ vorlasen, wussten – jeder für sich auf eine ganz spezielle Art und Weise – interessante, geistreiche und fantasievolle Antworten zu geben! Menschen stellten sich an den Tresen, setzten sich an die Tische, um authentisch dargebotener Literatur zu lauschen: ein aufmerksames, zahlreich erschienenes Publikum.

Literarische Lesungen, die auch intellektuellen Anspruch haben, gibt es in Deutschland immer wieder. Natürlich braucht es dazu ein sachverständiges Publikum und die Autorinnen und Autorinnen, die engagiert und gekonnt aus ihren Werken vorlesen, außerdem einen Rahmen, der dafür geeignet ist, die ganze Veranstaltung zu einem erfolgreichen Event werden zu lassen. Das Design-Café Swane im Wuppertaler Luisenviertel bot diesen Rahmen am 3. Dezember 2017, 17 bis 19 Uhr!

Es war der 1. Adventssonntag, aber ein solcher, an welchem vor Ort nicht nur die Engelein von Wänden grüßten, sondern eben unterschiedlichste Inhalte zum Thema vermittelt wurden, welches viele Deutungen und Bewertungen zulässt. Engagiert und mit Wortgewalt, zumal mit leisen Tönen – jedenfalls auch mit Gespür für das, was ein Publikum möchte. Es waren an diesem Spätnachmittag „Dramatische Weihnachten“ angesagt; nicht ohne Sinn für Humor und Satire.

Das ganze Buch „Dramatische Weihnachten“, vor Tagen von den Herausgebern Halina M. Sega und Kay Ganahl für den Freien Dt. Autorenverband/NRW und die Solinger Autorenrunde veröffentlicht, schwang immer mit im Raum … alles im Buch und am 3.12. auf der Bühne im Swane: wahrhaftig vielseitig, vielfältig, vielgestaltig.  Womit alle Mitwirkenden in der Tradition des Freien Dt. Autorenverbandes/NRW standen.

Folgende im Buch vertretene bekannte AutorInnen fanden den Weg ins Swane, nämlich

die eher mit leisen Tönen vorlesende Dagmar Weck aus Bochum; dramatisch und besonders engagiert: Halina M. Sega aus Gladbeck; dann auch die intellektuell und besonnen wirkende Dagmar Schenda und die „malende Dichterin“ oder „dichtende Malerin“ Angelika Stephan aus Mülheim/Ruhr; eine theatralisch wirkende Martina Hörle, der pointiert vorlesende Kay Ganahl und eine nett und behutsam vorlesende Beate Kunisch aus Solingen; und: Christina Pollok aus Hagen mit ihrer Lenny-Geschichte.

Kay Ganahl, der die Veranstaltung organisiert hatte, moderierte die Lesung gelassen-zurückhaltend, so dass die AutorInnen voll zur Geltung kommen konnten. Alles Dramatische sprach eben aus den Texten der AutorInnen. Das Dramatische an Weihnachten hatte an diesem Spätnachmittag im Swane die Hauptrolle zu spielen! An billigen Showeinlagen war keinem gelegen. Langeweile? Nahezu unmöglich.

Die hohe Wertschätzung für an Qualität orientierte Kultur, die auch unterhalten kann und die Grundhaltung der Toleranz gegenüber anderen Menschen und dem Anderen an sich, eine grundsätzliche Offenheit für alle Ideen und Haltungen, die es in der Kultur und speziell in der deutschen Literatur gibt: Das macht den Freien Deutschen Autorenverband aus.

In dieser literarischen Lesung waren der Landesverband NRW des Freien Deutschen Autorenverbandes mit Weck, Sega, Schenda, Stephan sowie Ganahl stark vertreten, – darunter besonders die „Ruhrgebietler“. Die in Solingen und Umgebung sehr bekannte Martina Hörle ergänzte zusammen mit Beate Kunisch das Leseteam hervorragend. Sie kommen von der Solinger Autorenrunde, deren Aktivitäten von Hörle koordiniert werden. Die Hagenerin Christina Pollok wurde als Gast geladen.

Die aparte Wuppertaler Musikerin Asli Dila Kaya beeindruckte mit ihren vier Einsätzen zwischen Lesebeiträgen mit einer wunderschönen Stimme und virtuosem Spiel an der Baglama, der türkischen Laute. Sie ist beruflich als Musikpädagogin an der Bergischen Musikschule in Wuppertal tätig.

(Fotos: © Martina Hörle)

 

Monatsgeschichte für den Monat Dezember

Trauriger Schnee

Da lag er nun. Ganz plötzlich über Nacht war er vom Himmel gefallen und hatte sich wie eine dicke weiche Decke ausgebreitet. Ganz still war er und schaute sich nur staunend um.

Bisher war er noch nie auf der Erde gewesen, und jetzt wusste er noch nicht so richtig, was er hier sollte.

„Ich muss zugeben, dass es mir hier gefällt“, dachte er, „auch diese weiße Farbe, die ich trage, finde ich wirklich elegant. Aber … was mache ich eigentlich hier? Aus welchem Grund bin ich vom Himmel gefallen?“

Er grübelte lange, aber ihm fiel nichts ein. Ein Häschen hoppelte heran. Schnell, bevor es vorbeilaufen konnte, fragte der Schnee: „Weißt Du vielleicht, warum ich hier bin?“ Missmutig erwiderte das Häschen: „Du deckst mein Futter zu, so dass ich ständig Hunger habe. Jetzt lass mich weitersuchen, damit ich wenigstens ein bisschen zu fressen finde.“

Der Schnee war ratlos: „Warum tue ich das? Wenn ich das Futter zudecke, hat das Häschen Hunger.“

Da kamen zwei Vögel angeflogen. „Hallo Ihr beiden, könnt Ihr mir eine Frage beantworten? Ich denke darüber nach, was ich eigentlich auf der Erde machen soll.“ Die beiden krächzten missgelaunt: „Was Du hier machen sollst, wissen wir auch nicht. Wenn Du hier bist, müssen wir frieren. Das können wir gar nicht leiden.“ Und schimpfend flogen sie davon.

„Kann ich denn nichts tun, was anderen hilft?“, fragte sich der Schnee betrübt. „Der eine hat Hunger, die anderen frieren – und das nur, weil ich da bin.“

Da kam die Sonne am Himmel hervor und sah die Trauer des Schnees. „Was hast Du? Was bedrückt Dich so?“ Und der Schnee erzählte der Sonne, was er erlebt hatte. „Ich suche nach dem Grund, weshalb ich auf der Erde bin. Aber alles, was ich erfahren habe, ist nicht gut.“

Die Sonne lachte: „Sei nicht traurig. Sieh Dir mal den Himmel an. Jetzt bin ich hier und er ist leuchtend blau. Und Du mit Deiner strahlenden weißen Farbe holst die Menschen aus den Häusern. Sie haben Schlitten. Damit fahren sie auf Deiner weißen Decke umher. Und sie formen große Kugeln aus Dir. Die stellen sie aufeinander und nennen sie Schneemann. Dabei sind sie immer sehr lustig.“

Das freute den Schnee. Doch irgendwann ging die Sonne unter und es kam der Mond. Jetzt waren die Menschen wieder fort.

Auch der Mond merkte, dass der Schnee bekümmert war und sprach zu ihm: „In der Nacht ist es oft so dunkel, dass man kaum etwas erkennen kann. Aber wenn ich am Himmel stehe und mein Licht aussende, schickst Du es mit Deiner weißen Decke zurück. Dadurch finden sich alle, die im Freien sind, besser zurecht. Und die Natur deckst Du zu, so dass sie Ruhe finden und sich erholen kann. Sonst wäre sie im kommenden Jahr gar nicht lebensfähig.“

Da spürte der Schnee, wie wichtig er für vieles war. Während er noch darüber nachdachte, kamen die Sterne zum Vorschein und schienen zusammen mit dem Mond. Ihre Strahlen fielen herunter bis auf den Schnee. Tausende kleiner Punkte glitzerten auf dem Weiß. „Was macht Ihr da?“, staunte der Schnee, „das ist ja zauberhaft.“

„Das bist Du, lieber Schnee“, lachten die Sterne, „diese kleinen Punkte heißen Eiskristalle. Sie funkeln wie Diamanten. Und so etwas hat nur der Schnee.“

© Martina Hörle

Diese Geschichte ist in der gerade erschienenen Anthologie „Dramatische Weihnachten“ enthalten.

Eine Anthologie mit Gedichten und Geschichten
Kay Ganahl (Hrsg.), Halina M. Sega (Hrsg.)
Paperback, 268 Seiten, ISBN-13: 978-3744886291

Monatsgeschichte für den Monat November 2017

Für unsere neue Monatsgeschichte liefert Kay Ganahl diesen satirischen Beitrag.

Eine Geschichte der Hörigkeit
Kurzprosa in satirischer Absicht
(unveröffentlicht)

Das ist ja eben diese Liebe zu Jo, diesem Monster von Mann, dem ich zur Verfügung stehe. Durch ihn erfahre ich ständig eine Entwicklung meiner Persönlichkeit, die darin besteht, dass er mich ruft und ich komme. Er lässt mich manchmal durch seinen Butler Harry, der im Maserati anfährt, später am Abend abholen, was mir so gar nicht gefällt. Unauffällig soll alles sein, unauffällig!

Heute! Ich habe mich in Schale geworfen. Wir fahren zu Jo. Dieser empfängt mich im Halbdunkel am Rande des schmutzigen Tümpels, – im Hintergrund die hohen Wipfel von Bäumen, die für die Abholzung vorgesehen sind. Blinkende Schornsteine der Großstadt und leuchtende Hochhausspitzen sind für mich weitere flüchtige Ablenkungen.

Mein Jo lässt mich sofort himmelhochjauchzen – das Alte ist fort, das Neue blickt mich in seiner umwerfenden Gestalt an!

Es steht mir ein Mann gegenüber, ein mir klar überlegenes Geschöpf, welches seine Arroganz nicht verschleiert oder versteckt, sondern ganz unmittelbar zeigt. Jos Männlichkeit bannt mich, ich gehöre …. ich gehöre ihm.

Die Primitivität seiner Lebensäußerungen kann mich immer und immer wieder davon überzeugen, dass er der Richtige ist. Keine Fragen mehr. Keine hintergründigen Reflexionen über irgendetwas, was zu klären wäre!

Oh, schön! Oh, schlecht!

 Sogar schon in meinem Alter, denke ich nun, habe ich eine wahre Beziehung zu einem Mann! Sie ist ursprünglich und dermaßen schlecht, abgründig schlecht, dass ich die absolute Liebe empfinden kann. Ist das so!?

Am Tümpel ergeben wir uns dem Ursprünglichen – Gefühlsströme reißen mich mit. Sind sie echt!?

Jo weiß, dass er mich voll und ganz in sich aufnehmen kann. Er wird es wohl auch tun.

Ich will mich verlieren. Will ich das wirklich – !?

(© Kay Ganahl, 2017)

„Dramatische Weihnachten“ – die literarische Lesung mit Musik

SOLINGER AUTORENRUNDE UND FREIER DEUTSCHER AUTORENVERBAND/NRW

Am 3. Dezember 2017 wird die literarische Lesung „Dramatische Weihnachten“ im Wuppertaler Swane-Café stattfinden.
Die Lesung beginnt um 17 Uhr und dauert insgesamt ca. 120 Minuten.

Die Herausgeber Halina M. Sega und Kay Ganahl werden das Buch „Dramatische Weihnachten. Eine Anthologie mit Gedichten und Geschichten“ vorstellen.

Folgende mit ihren Werken im Buch vertretene AutorInnen des FDA-NRW und der Solinger Autorenrunde werden lesen:

Dagmar Schenda (Mülheim/R.), Angelika Stephan (Mülheim/R.), Dagmar Weck (Bochum), Halina M. Sega (Gladbeck), Christina Pollok (Gastautorin aus Hagen), Martina Hörle (Solingen), Beate Kunisch (Solingen) und Kay Ganahl (Solingen).

Musik: Asli Dila Kaya (Gesang/türkische Laute) aus Wuppertal.

Moderation: Kay Ganahl

Organisation: Kay Ganahl (FDA-NRW und Solinger Autorenrunde)
Kontakt: Ganahl@web.de

ZEIT:
17 Uhr, Dauer ca. 120 Minuten

VERANSTALTUNGSORT:
Swane-Design / Swane-Cafe
Selly Wane
Luisenstr. 102a
42103 Wuppertal